PARAGUAY. Kaum ein Land Südamerikas wird so stark mit reichlich vorhandener Wasserkraft verbunden wie Paraguay. Mit Itaipú und Yacyretá verfügt das Land über zwei der größten Wasserkraftwerke der Region. Doch ausgerechnet Paraguay könnte bereits gegen Ende dieses Jahrzehnts vor einem Energieproblem stehen.
Experten des paraguayischen Stromsektors warnen, dass die derzeit verfügbare Erzeugungskapazität bei weiter wachsendem Verbrauch nur noch bis etwa 2028 bis 2030 ausreichend sein könnte.
Das bedeutet nicht, dass Paraguay unmittelbar vor Stromausfällen steht. Es bedeutet aber, dass neue Kraftwerke, zusätzliche Verbindungen zu den Nachbarländern und eine Reform des Strommarktes deutlich schneller benötigt werden als bisher angenommen.
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Sponsoring-Möglichkeiten ansehenStromverbrauch steigt stark
Der Grund ist vor allem die wachsende Nachfrage.
In den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 stieg der paraguayische Stromverbrauch gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 18 Prozent. Allein im Juli lag der Verbrauch rund 17,5 Prozent über dem Wert des Vorjahres.
Industrie, Unternehmen, Klimaanlagen, neue Wohngebiete und die zunehmende Elektrifizierung sorgen dafür, dass immer mehr von jener Energie im eigenen Land benötigt wird, die Paraguay jahrzehntelang im Überfluss zur Verfügung hatte.
Bei der höchsten bisher gemessenen Nachfrage im Januar 2026 benötigte das nationale Stromsystem bereits rund 5.752 Megawatt.
Das entsprach etwa 75 Prozent der verfügbaren Leistung.
Yacyretá bereits am Limit
Besonders interessant ist die Situation von Yacyretá.
Beim Spitzenverbrauch im Januar lieferte Itaipú rund 74 Prozent der benötigten Leistung. Yacyretá steuerte etwa 24 Prozent bei, das Wasserkraftwerk Acaray rund zwei Prozent.
Yacyretá erreichte dabei bereits die Leistung, die Paraguay derzeit aus dem Kraftwerk zur Verfügung steht.
Für Itapúa ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Das Wasserkraftwerk Yacyretá liegt unmittelbar vor den Toren Encarnacións und hat die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung der Region über Jahrzehnte geprägt.
Doch auch Yacyretá kann nicht beliebig mehr Strom liefern.
Neue Wasserkraftwerke kommen zu spät
Paraguay besitzt theoretisch weitere Möglichkeiten für große Wasserkraftprojekte.
Diskutiert werden unter anderem eine Erweiterung von Yacyretá sowie die Projekte Itacorá-Itatí und Corpus Christi am Paraná.
Das Problem ist die Zeit.
Nach Berechnungen von Energieexperten könnte eine größere Erweiterung von Yacyretá zehn bis 14 Jahre benötigen. Die Kosten werden auf rund 3,7 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Auch andere große Wasserkraftprojekte würden mehr als ein Jahrzehnt benötigen.
Wenn der kritische Zeitraum tatsächlich bereits zwischen 2028 und 2030 beginnt, kommen diese Kraftwerke als alleinige Lösung zu spät.
Strom aus Brasilien und Argentinien?
Eine kurzfristigere Möglichkeit klingt zunächst paradox: Paraguay könnte künftig Strom von seinen Nachbarn kaufen.
Jahrzehntelang war die Situation genau umgekehrt. Paraguay produzierte mit seinen binationalen Wasserkraftwerken wesentlich mehr Energie, als es selbst verbrauchte, und gab große Mengen an Brasilien und Argentinien ab.
Technische Änderungen könnten künftig einen Stromfluss in die andere Richtung ermöglichen.
Über Brasilien wäre nach Einschätzung von Fachleuten eine Verbindung mit einer Kapazität von mehreren tausend Megawatt möglich. Auch über Yacyretá könnte eine stärkere Verbindung mit dem argentinischen Stromnetz geschaffen werden.
Dafür wären allerdings neue technische Anlagen, Leitungen und vor allem politische Vereinbarungen notwendig.
Solarenergie wird wichtiger
Eine weitere Möglichkeit liegt praktisch auf der Hand.
Paraguay verfügt über sehr gute Bedingungen für Solarenergie. Photovoltaikanlagen können zudem wesentlich schneller errichtet werden als neue Wasserkraftwerke.
Im Chaco speist bereits eine Photovoltaikanlage Strom in das nationale Netz ein.
Solarenergie allein kann große Wasserkraftwerke jedoch nicht ersetzen. Ohne große Speicher steht sie nachts und bei ungünstigen Wetterbedingungen nicht im gleichen Umfang zur Verfügung.
Experten schlagen deshalb einen Mix aus Wasserkraft, Solarenergie, Biomasse, Energiespeichern und stärkeren internationalen Stromverbindungen vor.
Langfristig wird in Paraguay inzwischen sogar über Kernenergie diskutiert.
Das Ende einer außergewöhnlichen Situation
Paraguays eigentliches Problem ist nicht, dass das Land keine Energiequellen besitzt.
Das Problem ist das Tempo.
Neue große Kraftwerke benötigen zehn Jahre oder länger. Gleichzeitig wächst der Stromverbrauch jedes Jahr weiter.
Damit könnte eine historische Besonderheit Paraguays langsam zu Ende gehen: Über Jahrzehnte musste sich das Land kaum Gedanken darüber machen, woher zusätzlicher Strom kommen sollte.
Itaipú und Yacyretá produzierten mehr als genug.
Nun wächst Paraguay wirtschaftlich und verbraucht einen immer größeren Teil seiner eigenen Energie selbst.
Das ist zunächst ein Zeichen wirtschaftlicher Entwicklung. Es zwingt das Land aber auch zu Entscheidungen, die jahrelang aufgeschoben werden konnten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Paraguay genügend Energie besitzt.
Sondern ob neue Erzeugungskapazitäten rechtzeitig zur Verfügung stehen, bevor das bisherige Überangebot aufgebraucht ist.
Quellen
ABC Color, 27. und 29. August 2026: Analysen zur verfügbaren Erzeugungsleistung und zur notwendigen Reform des paraguayischen Stromsektors.
Última Hora, 28. August 2026: Bericht über das Fachforum „Energía eléctrica para asegurar la continuidad del desarrollo en Paraguay“.
Administración Nacional de Electricidad (ANDE): Daten zur Entwicklung des nationalen Stromverbrauchs 2026.

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