Category: Paraguay

  • Neue Eskalation im Golf: Warum ein steigender Ölpreis auch Paraguay trifft

    Neue Eskalation im Golf: Warum ein steigender Ölpreis auch Paraguay trifft

    PARAGUAY. Die jüngste Eskalation im Nahen Osten treibt die internationalen Ölpreise erneut nach oben. Was Tausende Kilometer entfernt geschieht, kann deshalb schon bald auch an paraguayischen Tankstellen spürbar werden.

    Paraguay verfügt zwar über enorme Mengen an eigener elektrischer Energie aus Wasserkraft. Bei Benzin und Diesel sieht die Situation jedoch völlig anders aus.

    Das Land besitzt keine bedeutende eigene Erdölförderung und ist bei fossilen Kraftstoffen auf Importe angewiesen.

    Damit führen internationale Ölkrisen unmittelbar zu einer Frage, die praktisch jeden Haushalt und jedes Unternehmen betrifft: Wie teuer werden Treibstoff und Transport?

    Ölpreis wieder über 90 Dollar

    Der Preis für ein Barrel Rohöl der Sorte Brent ist infolge der neuen Spannungen im Golf wieder über die Marke von 90 US-Dollar gestiegen.

    Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Straße von Hormus.

    Die Meerenge zwischen Iran und Oman gehört zu den wichtigsten Transportwegen der globalen Energiewirtschaft. Ein erheblicher Teil des international gehandelten Erdöls und Flüssigerdgases passiert diesen vergleichsweise schmalen Seeweg.

    Bereits die Gefahr einer Einschränkung des Schiffsverkehrs kann deshalb die Preise beeinflussen.

    Für die Märkte zählt nicht nur, ob tatsächlich weniger Öl geliefert wird. Auch die Erwartung möglicher Lieferprobleme reicht aus, um Preise zu bewegen.

    Paraguay produziert Strom – aber kein Benzin

    Für Paraguay entsteht daraus eine besondere Situation.

    Mit Itaipú, Yacyretá und Acaray verfügt das Land über große Mengen eigener Wasserkraft. Ein internationaler Anstieg des Ölpreises führt deshalb nicht automatisch zu höheren Kosten bei der Stromproduktion.

    Im Verkehrssektor ist Paraguay dagegen weiterhin stark von fossilen Kraftstoffen abhängig.

    Benzin und Diesel müssen überwiegend aus dem Ausland beschafft werden.

    Der internationale Ölpreis ist dabei nicht der einzige Faktor. Auch Raffineriepreise, Transportkosten, Wechselkurs, Lagerbestände und die Preispolitik der Importeure beeinflussen, was ein Liter Kraftstoff in Paraguay letztlich kostet.

    Ein steigender Rohölpreis bedeutet deshalb nicht, dass die Preise an den Tankstellen sofort im gleichen Verhältnis steigen.

    Hält ein hohes internationales Preisniveau jedoch länger an, wächst der Druck.

    Diesel ist für Paraguay besonders wichtig

    Die Auswirkungen reichen weit über private Autofahrer hinaus.

    Paraguays Landwirtschaft ist auf Diesel angewiesen. Traktoren, Erntemaschinen und ein großer Teil des Güterverkehrs werden damit betrieben.

    Das gilt besonders für Agrarregionen wie Itapúa.

    Soja, Mais, Weizen, Yerba Mate und andere Produkte müssen vom Feld zu Silos, Verarbeitungsbetrieben und Exportwegen transportiert werden.

    Steigende Dieselkosten erhöhen deshalb nicht nur die Kosten einer Autofahrt.

    Sie können sich entlang ganzer Lieferketten bemerkbar machen.

    Ein Binnenstaat spürt Transportkosten besonders

    Hinzu kommt Paraguays geografische Lage.

    Als Binnenstaat ist das Land in besonderem Maße von funktionierenden und preisgünstigen Transportwegen abhängig.

    Ein erheblicher Teil des Außenhandels läuft über den Río Paraguay und den Río Paraná. Gleichzeitig spielt der Straßengüterverkehr Richtung Brasilien, Argentinien, Bolivien und zunehmend Richtung Chile eine zentrale Rolle.

    Höhere Treibstoffkosten können deshalb Importe ebenso verteuern wie Exporte.

    Bei importierten Waren kommen die höheren Transportkosten hinzu.

    Bei paraguayischen Exportprodukten können sie die Wettbewerbsfähigkeit belasten.

    Noch kein Grund für Panik an der Tankstelle

    Ein kurzfristiger Anstieg des Ölpreises bedeutet allerdings noch nicht, dass Paraguay unmittelbar vor einer neuen Treibstoffkrise steht.

    Internationale Rohstoffpreise können sich schnell wieder verändern.

    Entscheidend wird sein, ob die Spannungen im Golf anhalten und ob die Versorgung tatsächlich beeinträchtigt wird.

    Auch vorhandene Lagerbestände können kurzfristige Preisschwankungen abfedern.

    Für paraguayische Verbraucher ist deshalb weniger der Ölpreis eines einzelnen Tages entscheidend als die Entwicklung über mehrere Wochen.

    Die paradoxe Energieposition Paraguays

    Die aktuelle Situation macht gleichzeitig einen grundsätzlichen Widerspruch sichtbar.

    Paraguay gehört bei erneuerbarer Elektrizität zu den außergewöhnlich gut ausgestatteten Ländern der Welt.

    Trotzdem bleibt ein großer Teil seiner Mobilität von importierten fossilen Energieträgern abhängig.

    Jeder internationale Ölpreisschock erinnert damit an eine strategische Frage:

    Wie viel des paraguayischen Verkehrs könnte langfristig mit jener Energie betrieben werden, die das Land selbst produziert?

    Elektromobilität allein wird diese Frage nicht lösen. Schwerverkehr, Landwirtschaft und große Distanzen stellen andere Anforderungen als der Stadtverkehr.

    Doch je stärker Paraguay seine eigene Elektrizität auch im Verkehrssektor nutzen kann, desto geringer wird langfristig seine Abhängigkeit von politischen Krisen auf der anderen Seite der Welt.

    Bis dahin gilt:

    Was in der Straße von Hormus geschieht, kann am Ende auch den Preis einer Lkw-Fahrt von Itapúa nach Asunción beeinflussen.

    Quellen

    Reuters, 31. August 2026: Internationale Ölmarktentwicklung und Auswirkungen der jüngsten Eskalation im Golf.

    U.S. Energy Information Administration (EIA): Strait of Hormuz – Bedeutung der Meerenge für den internationalen Energiehandel.

    Banco Central del Paraguay (BCP): Außenhandel und Importdaten für Mineralölerzeugnisse.

    Ministerio de Industria y Comercio (MIC): Kraftstoffmarkt und Preisentwicklung in Paraguay.

    Administración Nacional de Electricidad (ANDE): Energiesystem und Elektrizitätsversorgung Paraguays.

  • Paraguays Wirtschaft wächst – doch kommt der Aufschwung bei allen an?

    Paraguays Wirtschaft wächst – doch kommt der Aufschwung bei allen an?

    ASUNCIÓN. Paraguay erhält erneut gute Noten für seine wirtschaftliche Entwicklung. Der für den südlichen Teil Südamerikas zuständige Manager der Interamerikanischen Entwicklungsbank BID, Morgan Doyle, bezeichnete das Land nach einem Treffen mit Wirtschaftsminister Oscar Lovera als Beispiel für Wachstum und wirtschaftliche Stabilität.

    Die Einschätzung passt zu den wichtigsten Wirtschaftsdaten des Landes.

    Für 2026 erwarten die vom paraguayischen Zentralbank BCP befragten Wirtschaftsexperten ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 4,3 Prozent. Auch für 2027 wird mit einem Plus von rund vier Prozent gerechnet.

    Für viele Länder der Region wären solche Zahlen bemerkenswert.

    Doch Wirtschaftswachstum allein beantwortet noch nicht die entscheidende Frage: Wie viel davon kommt bei der Bevölkerung an?

    BID sieht stabile wirtschaftliche Grundlagen

    Morgan Doyle traf sich vergangene Woche mit Wirtschaftsminister Oscar Lovera in Asunción.

    Dabei ging es nach Angaben des Wirtschaftsministeriums sowohl um die wirtschaftliche Entwicklung Paraguays als auch um die weitere Zusammenarbeit zwischen dem Land und der Interamerikanischen Entwicklungsbank.

    Doyle hob insbesondere das anhaltende Wachstum und die makroökonomische Stabilität hervor.

    Paraguay hat sich damit in den vergangenen Jahren ein wirtschaftliches Profil aufgebaut, das sich deutlich von früheren Jahrzehnten unterscheidet.

    Landwirtschaft und Energie bleiben zentrale Säulen. Gleichzeitig gewinnen Dienstleistungen, Industrie, Logistik und internationale Investitionen an Bedeutung.

    Die geografische Lage zwischen Brasilien und Argentinien sowie große Infrastrukturprojekte wie der Biozeanische Korridor könnten diese Entwicklung zusätzlich verstärken.

    4,3 Prozent Wachstum erwartet

    Auch die Erwartungen innerhalb Paraguays bleiben positiv.

    In ihrer August-Umfrage befragte die Zentralbank Unternehmen und Wirtschaftsexperten nach ihrer Einschätzung der weiteren Entwicklung.

    Das Ergebnis: Für 2026 wird im Median mit einem Wirtschaftswachstum von 4,3 Prozent gerechnet.

    Für 2027 liegen die Erwartungen bei vier Prozent.

    Damit würde Paraguay auch im kommenden Jahr vergleichsweise kräftig wachsen.

    Gleichzeitig leben fast eine Million Menschen in Armut

    Die andere Seite der wirtschaftlichen Entwicklung zeigen die jüngsten Zahlen des Instituto Nacional de Estadística.

    2025 lebten rund 985.000 Menschen in Paraguay unterhalb der monetären Armutsgrenze.

    Das entspricht 16 Prozent der Bevölkerung.

    Besonders groß bleibt der Unterschied zwischen Stadt und Land.

    In städtischen Gebieten lag die Armutsquote bei 13,6 Prozent.

    Auf dem Land waren es dagegen 22,1 Prozent.

    Etwa jeder fünfte Bewohner des ländlichen Paraguay lebt damit trotz der insgesamt guten Wirtschaftsentwicklung weiterhin unterhalb der statistischen Armutsgrenze.

    Aber auch hier gibt es Fortschritte

    Die Zahlen sollten allerdings nicht so gelesen werden, als würde das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht bei der Bevölkerung ankommen.

    Im Gegenteil.

    Die Armutsquote ist zuletzt deutlich gesunken.

    2024 hatte sie landesweit noch bei 19,6 Prozent gelegen. Ein Jahr später waren es 16 Prozent.

    Auch die extreme Armut ging zurück: von 3,7 auf 2,4 Prozent.

    In absoluten Zahlen bedeutet das dennoch, dass rund 147.000 Menschen nicht genügend Einkommen hatten, um selbst die statistisch definierte Grundversorgung mit Lebensmitteln zu finanzieren.

    Die Entwicklung zeigt deshalb zwei Dinge gleichzeitig:

    Paraguays wirtschaftliche und soziale Kennzahlen verbessern sich.

    Aber ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt weiterhin mit sehr geringen Einkommen.

    Auf dem Land entscheidet sich viel

    Gerade für Regionen wie Itapúa ist diese Entwicklung interessant.

    Ein großer Teil der wirtschaftlichen Stärke Paraguays entsteht außerhalb der Hauptstadt: durch Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Energie, Tourismus und zunehmend Logistik.

    Gleichzeitig ist Armut in ländlichen Regionen weiterhin deutlich stärker verbreitet als in den Städten.

    Damit wird eine der zentralen Fragen der kommenden Jahre sein, ob Investitionen in Straßen, Energieversorgung, Bildung und regionale Wirtschaft tatsächlich dazu führen, dass zusätzliche Wertschöpfung auch außerhalb der großen wirtschaftlichen Zentren ankommt.

    Der Ausbau der Infrastruktur allein garantiert das nicht.

    Er schafft zunächst nur die Voraussetzungen dafür.

    Ein Land mit ungewöhnlich guten Voraussetzungen

    Paraguay verfügt über mehrere Vorteile, die international zunehmend Aufmerksamkeit erzeugen.

    Das Land produziert große Mengen erneuerbarer Elektrizität aus Wasserkraft, verfügt über eine bedeutende Agrarwirtschaft und liegt zwischen zwei der größten Volkswirtschaften Südamerikas.

    Mit neuen Straßenverbindungen Richtung Chile und Brasilien verändert sich außerdem seine traditionelle Lage als Binnenstaat.

    Aus einem geografischen Nachteil könnte zumindest teilweise ein logistischer Vorteil werden.

    Gleichzeitig muss Paraguay seine Infrastruktur, Stromnetze, Bildung und öffentlichen Institutionen schnell genug entwickeln, um mit dem wirtschaftlichen Wachstum Schritt zu halten.

    Die entscheidende Zahl ist nicht nur das BIP

    Dass die Interamerikanische Entwicklungsbank Paraguays wirtschaftliche Entwicklung positiv beurteilt, ist deshalb eine gute Nachricht.

    Aber sie erzählt nur einen Teil der Geschichte.

    Ein Wachstum von mehr als vier Prozent ist beeindruckend.

    Noch wichtiger wird langfristig sein, was dieses Wachstum verändert.

    Ob neue Unternehmen entstehen.

    Ob produktivere Arbeitsplätze geschaffen werden.

    Ob Einkommen steigen.

    Ob ländliche Regionen profitieren.

    Und ob jene fast eine Million Menschen, die heute noch unterhalb der Armutsgrenze leben, tatsächlich am wirtschaftlichen Aufstieg des Landes teilnehmen.

    Erst dann wird aus Wirtschaftswachstum gesellschaftlicher Wohlstand.

    Quellen

    Ministerio de Economía y Finanzas (MEF), 31. August 2026: „BID resalta el crecimiento sostenido y la solidez de los fundamentos macroeconómicos de Paraguay“.

    Banco Central del Paraguay (BCP): Encuesta de Expectativas de Variables Económicas, August 2026.

    Instituto Nacional de Estadística (INE): Principales Resultados de Pobreza Monetaria y Distribución de Ingresos 2025, veröffentlicht März 2026.

  • Guaraní ist Amtssprache. Warum sieht man sie trotzdem so selten?

    Guaraní ist Amtssprache. Warum sieht man sie trotzdem so selten?

    PARAGUAY. Man hört Guaraní auf der Straße, in Familien, auf Märkten, in Bussen und bei Gesprächen unter Freunden. Für Millionen Paraguayer gehört die Sprache selbstverständlich zum Alltag.

    Wer dagegen Formulare ausfüllt, Behörden besucht, Unternehmenswebseiten liest oder durch die schriftliche Kommunikation vieler Institutionen navigiert, begegnet häufig einer anderen Realität: Spanisch dominiert.

    Genau auf diesen Widerspruch macht die Kampagne „Rohayhu Che Ñe’ẽ“ aufmerksam. Die Secretaría de Políticas Lingüísticas ruft auch 2026 wieder Bürger, Behörden, Schulen, Unternehmen, Medien und Organisationen dazu auf, Guaraní nicht nur zu sprechen, sondern sichtbar zu verwenden.

    Zwei Drittel verwenden Guaraní zu Hause

    Wie stark Guaraní tatsächlich im paraguayischen Alltag verankert ist, zeigen aktuelle Zahlen des Instituto Nacional de Estadística.

    38,7 Prozent der Bevölkerung ab fünf Jahren sprechen zu Hause überwiegend sowohl Guaraní als auch Spanisch.

    Weitere 27,9 Prozent verwenden hauptsächlich Guaraní.

    Zusammengenommen bedeutet das: Rund zwei Drittel der Bevölkerung verwenden Guaraní regelmäßig als eine ihrer wichtigsten Sprachen im eigenen Zuhause.

    Nur 30,9 Prozent sprechen dort hauptsächlich Spanisch.

    Guaraní ist damit keineswegs eine Sprache einer kleinen Minderheit. Sie gehört zum sprachlichen Alltag eines großen Teils der Bevölkerung.

    Amtssprache seit 1992

    Auch rechtlich ist die Situation eindeutig.

    Die paraguayische Verfassung von 1992 erklärte Guaraní neben Spanisch zur Amtssprache des Landes.

    Mit dem Sprachengesetz von 2010 wurde diese Gleichstellung weiter konkretisiert.

    Der Staat soll gewährleisten, dass Bürger beide Amtssprachen verwenden können. Das betrifft nicht nur Schulen oder kulturelle Veranstaltungen.

    Auch öffentliche Dokumente, Formulare, Behördenkommunikation, Beschilderungen und Dienstleistungen sollen die sprachliche Realität des Landes berücksichtigen.

    Auf dem Papier stehen Guaraní und Spanisch damit nebeneinander.

    Im Alltag der Institutionen ist diese Gleichstellung jedoch noch nicht überall erreicht.

    Eine gesprochene Sprache muss auch sichtbar werden

    Genau hier setzt die Secretaría de Políticas Lingüísticas an.

    Ihre Aufgabe besteht unter anderem darin, darauf hinzuwirken, dass beide Amtssprachen in staatlichen Formularen und Dokumenten, auf öffentlichen Schildern und in der Kommunikation der Behörden verwendet werden.

    Dass dies weiterhin aktiv gefördert werden muss, zeigt bereits, dass die rechtliche Gleichstellung allein nicht genügt.

    Noch im Juli schulte die Sprachbehörde Mitarbeiter der Procuraduría General de la República, um eine zweisprachige Betreuung der Bevölkerung zu verbessern.

    Auch die paraguayische Raumfahrtbehörde erhielt neue zweisprachige institutionelle Materialien.

    Im August wurden zusätzlich Kommunikationsverantwortliche staatlicher Einrichtungen im Gebrauch von Guaraní geschult.

    Es geht also nicht darum, Guaraní erst wiederzuentdecken.

    Es geht darum, eine längst gesprochene Sprache auch dort selbstverständlich zu machen, wo Paraguay offiziell mit seinen Bürgern kommuniziert.

    „Rohayhu Che Ñe’ẽ“

    Die Kampagne „Rohayhu Che Ñe’ẽ – Una Semana en Lengua Guaraní“ gibt es bereits seit 2014.

    2026 findet sie zum zwölften Mal statt.

    Die Idee ist einfach: Eine Woche lang soll Guaraní bewusst stärker verwendet werden.

    Nicht nur von Privatpersonen.

    Auch Schulen, öffentliche Einrichtungen, Medien, Unternehmen und gesellschaftliche Organisationen sind eingeladen, Guaraní in ihrer Kommunikation einzusetzen.

    Dabei geht es ausdrücklich auch um Bereiche, in denen die Sprache traditionell weniger präsent war: Arbeitswelt, institutionelle Kommunikation und digitale Plattformen.

    Guaraní verändert sich

    Gleichzeitig verändert sich die Sprache selbst.

    Guaraní findet zunehmend seinen Weg in soziale Netzwerke, Musik und digitale Medien. Junge Paraguayer verwenden die Sprache auf TikTok und Instagram, Musiker verbinden sie mit Rap, Jazz oder moderner Popmusik.

    Auch neue technische Begriffe müssen ihren Platz in der Sprache finden.

    Das ist für ihre Zukunft entscheidend.

    Eine Sprache bleibt nicht dadurch lebendig, dass man sie ausschließlich als kulturelles Erbe schützt. Sie bleibt lebendig, wenn Menschen mit ihr über das sprechen können, was heute geschieht.

    Über Politik und Wissenschaft ebenso wie über Fußball, künstliche Intelligenz oder das nächste Video auf dem Smartphone.

    Und dann gibt es noch Jopara

    Die sprachliche Wirklichkeit Paraguays lässt sich ohnehin nicht vollständig in zwei getrennte Kategorien aufteilen.

    Viele Menschen wechseln im Gespräch selbstverständlich zwischen Guaraní und Spanisch.

    Daraus entsteht Jopara, eine Mischform, in der Wörter und Strukturen beider Sprachen ineinander übergehen.

    Sprachpuristen betrachten diese Vermischung teilweise kritisch.

    Aus gesellschaftlicher Sicht zeigt Jopara aber auch etwas anderes: Sprache richtet sich nicht nach Behörden oder Wörterbüchern. Menschen verwenden sie so, wie sie für ihren Alltag funktioniert.

    Das erklärt möglicherweise auch, warum statistisch so viele Paraguayer angeben, zu Hause sowohl Guaraní als auch Spanisch zu sprechen.

    Die eigentliche Herausforderung liegt außerhalb des Wohnzimmers

    Guaraní steht heute nicht vor dem Problem, dass niemand mehr die Sprache spricht.

    Die aktuellen Zahlen zeigen eher das Gegenteil.

    Die größere Herausforderung besteht darin, dass gesellschaftliche Bedeutung und institutionelle Sichtbarkeit nicht immer übereinstimmen.

    Eine Sprache kann von Millionen Menschen täglich gesprochen werden und trotzdem auf einem Formular, einer Unternehmenswebseite oder einem Behördenschild fehlen.

    Genau deshalb ist eine Kampagne wie „Rohayhu Che Ñe’ẽ“ mehr als folkloristische Sprachpflege.

    Sie stellt eine einfache Frage:

    Wenn Guaraní tatsächlich eine der beiden Amtssprachen Paraguays ist, warum sollte man das nicht auch sehen können?

    Voces Guaraní zu diesem Beitrag

    Rohayhu Che Ñe’ẽ
    Wörtlich ungefähr: „Ich liebe meine Sprache.“ Rohayhu bedeutet „ich liebe dich“, che bedeutet „mein/meine“ und ñe’ẽ kann je nach Zusammenhang „Sprache“, „Wort“ oder „Stimme“ bedeuten. Der Ausdruck ist der Name der Kampagne zur stärkeren Verwendung und Sichtbarkeit des Guaraní.
    Avañe’ẽ
    Eine traditionelle Bezeichnung für die Guaraní-Sprache. Ava bezeichnet den Menschen beziehungsweise die Person und ñe’ẽ Sprache oder Stimme. Sinngemäß lässt sich Avañe’ẽ als „Sprache der Menschen“ verstehen.
    Jopara
    Bedeutet sinngemäß „Mischung“ oder „vermischt“. Im sprachlichen Alltag Paraguays bezeichnet Jopara die vielfältigen Mischformen aus Guaraní und Spanisch. Es handelt sich dabei nicht um eine einzige festgelegte Sprachform. Wie stark Guaraní und Spanisch vermischt werden, unterscheidet sich je nach Sprecher, Region und Situation.

    Quellen

    Secretaría de Políticas Lingüísticas (SPL): „Rohayhu Che Ñe’ẽ – Una Semana en Lengua Guaraní“, 12. Ausgabe, August 2026.

    Instituto Nacional de Estadística (INE): Encuesta Permanente de Hogares Continua 2025, aktuelle Sprachdaten, veröffentlicht im Februar 2026.

    Secretaría de Políticas Lingüísticas: Política Lingüística Nacional und aktuelle Maßnahmen zur zweisprachigen institutionellen Kommunikation, Juli und August 2026.

    Verfassung der Republik Paraguay und Ley N.º 4251/10 de Lenguas.

  • Strom im Überfluss? Paraguay könnte schon ab 2030 an seine Grenzen stoßen

    Strom im Überfluss? Paraguay könnte schon ab 2030 an seine Grenzen stoßen

    PARAGUAY. Kaum ein Land Südamerikas wird so stark mit reichlich vorhandener Wasserkraft verbunden wie Paraguay. Mit Itaipú und Yacyretá verfügt das Land über zwei der größten Wasserkraftwerke der Region. Doch ausgerechnet Paraguay könnte bereits gegen Ende dieses Jahrzehnts vor einem Energieproblem stehen.

    Experten des paraguayischen Stromsektors warnen, dass die derzeit verfügbare Erzeugungskapazität bei weiter wachsendem Verbrauch nur noch bis etwa 2028 bis 2030 ausreichend sein könnte.

    Das bedeutet nicht, dass Paraguay unmittelbar vor Stromausfällen steht. Es bedeutet aber, dass neue Kraftwerke, zusätzliche Verbindungen zu den Nachbarländern und eine Reform des Strommarktes deutlich schneller benötigt werden als bisher angenommen.

    Stromverbrauch steigt stark

    Der Grund ist vor allem die wachsende Nachfrage.

    In den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 stieg der paraguayische Stromverbrauch gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 18 Prozent. Allein im Juli lag der Verbrauch rund 17,5 Prozent über dem Wert des Vorjahres.

    Industrie, Unternehmen, Klimaanlagen, neue Wohngebiete und die zunehmende Elektrifizierung sorgen dafür, dass immer mehr von jener Energie im eigenen Land benötigt wird, die Paraguay jahrzehntelang im Überfluss zur Verfügung hatte.

    Bei der höchsten bisher gemessenen Nachfrage im Januar 2026 benötigte das nationale Stromsystem bereits rund 5.752 Megawatt.

    Das entsprach etwa 75 Prozent der verfügbaren Leistung.

    Yacyretá bereits am Limit

    Besonders interessant ist die Situation von Yacyretá.

    Beim Spitzenverbrauch im Januar lieferte Itaipú rund 74 Prozent der benötigten Leistung. Yacyretá steuerte etwa 24 Prozent bei, das Wasserkraftwerk Acaray rund zwei Prozent.

    Yacyretá erreichte dabei bereits die Leistung, die Paraguay derzeit aus dem Kraftwerk zur Verfügung steht.

    Für Itapúa ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Das Wasserkraftwerk Yacyretá liegt unmittelbar vor den Toren Encarnacións und hat die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung der Region über Jahrzehnte geprägt.

    Doch auch Yacyretá kann nicht beliebig mehr Strom liefern.

    Neue Wasserkraftwerke kommen zu spät

    Paraguay besitzt theoretisch weitere Möglichkeiten für große Wasserkraftprojekte.

    Diskutiert werden unter anderem eine Erweiterung von Yacyretá sowie die Projekte Itacorá-Itatí und Corpus Christi am Paraná.

    Das Problem ist die Zeit.

    Nach Berechnungen von Energieexperten könnte eine größere Erweiterung von Yacyretá zehn bis 14 Jahre benötigen. Die Kosten werden auf rund 3,7 Milliarden US-Dollar geschätzt.

    Auch andere große Wasserkraftprojekte würden mehr als ein Jahrzehnt benötigen.

    Wenn der kritische Zeitraum tatsächlich bereits zwischen 2028 und 2030 beginnt, kommen diese Kraftwerke als alleinige Lösung zu spät.

    Strom aus Brasilien und Argentinien?

    Eine kurzfristigere Möglichkeit klingt zunächst paradox: Paraguay könnte künftig Strom von seinen Nachbarn kaufen.

    Jahrzehntelang war die Situation genau umgekehrt. Paraguay produzierte mit seinen binationalen Wasserkraftwerken wesentlich mehr Energie, als es selbst verbrauchte, und gab große Mengen an Brasilien und Argentinien ab.

    Technische Änderungen könnten künftig einen Stromfluss in die andere Richtung ermöglichen.

    Über Brasilien wäre nach Einschätzung von Fachleuten eine Verbindung mit einer Kapazität von mehreren tausend Megawatt möglich. Auch über Yacyretá könnte eine stärkere Verbindung mit dem argentinischen Stromnetz geschaffen werden.

    Dafür wären allerdings neue technische Anlagen, Leitungen und vor allem politische Vereinbarungen notwendig.

    Solarenergie wird wichtiger

    Eine weitere Möglichkeit liegt praktisch auf der Hand.

    Paraguay verfügt über sehr gute Bedingungen für Solarenergie. Photovoltaikanlagen können zudem wesentlich schneller errichtet werden als neue Wasserkraftwerke.

    Im Chaco speist bereits eine Photovoltaikanlage Strom in das nationale Netz ein.

    Solarenergie allein kann große Wasserkraftwerke jedoch nicht ersetzen. Ohne große Speicher steht sie nachts und bei ungünstigen Wetterbedingungen nicht im gleichen Umfang zur Verfügung.

    Experten schlagen deshalb einen Mix aus Wasserkraft, Solarenergie, Biomasse, Energiespeichern und stärkeren internationalen Stromverbindungen vor.

    Langfristig wird in Paraguay inzwischen sogar über Kernenergie diskutiert.

    Das Ende einer außergewöhnlichen Situation

    Paraguays eigentliches Problem ist nicht, dass das Land keine Energiequellen besitzt.

    Das Problem ist das Tempo.

    Neue große Kraftwerke benötigen zehn Jahre oder länger. Gleichzeitig wächst der Stromverbrauch jedes Jahr weiter.

    Damit könnte eine historische Besonderheit Paraguays langsam zu Ende gehen: Über Jahrzehnte musste sich das Land kaum Gedanken darüber machen, woher zusätzlicher Strom kommen sollte.

    Itaipú und Yacyretá produzierten mehr als genug.

    Nun wächst Paraguay wirtschaftlich und verbraucht einen immer größeren Teil seiner eigenen Energie selbst.

    Das ist zunächst ein Zeichen wirtschaftlicher Entwicklung. Es zwingt das Land aber auch zu Entscheidungen, die jahrelang aufgeschoben werden konnten.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Paraguay genügend Energie besitzt.

    Sondern ob neue Erzeugungskapazitäten rechtzeitig zur Verfügung stehen, bevor das bisherige Überangebot aufgebraucht ist.

    Quellen

    ABC Color, 27. und 29. August 2026: Analysen zur verfügbaren Erzeugungsleistung und zur notwendigen Reform des paraguayischen Stromsektors.

    Última Hora, 28. August 2026: Bericht über das Fachforum „Energía eléctrica para asegurar la continuidad del desarrollo en Paraguay“.

    Administración Nacional de Electricidad (ANDE): Daten zur Entwicklung des nationalen Stromverbrauchs 2026.