Guaraní ist Amtssprache. Warum sieht man sie trotzdem so selten?

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PARAGUAY. Man hört Guaraní auf der Straße, in Familien, auf Märkten, in Bussen und bei Gesprächen unter Freunden. Für Millionen Paraguayer gehört die Sprache selbstverständlich zum Alltag.

Wer dagegen Formulare ausfüllt, Behörden besucht, Unternehmenswebseiten liest oder durch die schriftliche Kommunikation vieler Institutionen navigiert, begegnet häufig einer anderen Realität: Spanisch dominiert.

Genau auf diesen Widerspruch macht die Kampagne „Rohayhu Che Ñe’ẽ“ aufmerksam. Die Secretaría de Políticas Lingüísticas ruft auch 2026 wieder Bürger, Behörden, Schulen, Unternehmen, Medien und Organisationen dazu auf, Guaraní nicht nur zu sprechen, sondern sichtbar zu verwenden.

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Zwei Drittel verwenden Guaraní zu Hause

Wie stark Guaraní tatsächlich im paraguayischen Alltag verankert ist, zeigen aktuelle Zahlen des Instituto Nacional de Estadística.

38,7 Prozent der Bevölkerung ab fünf Jahren sprechen zu Hause überwiegend sowohl Guaraní als auch Spanisch.

Weitere 27,9 Prozent verwenden hauptsächlich Guaraní.

Zusammengenommen bedeutet das: Rund zwei Drittel der Bevölkerung verwenden Guaraní regelmäßig als eine ihrer wichtigsten Sprachen im eigenen Zuhause.

Nur 30,9 Prozent sprechen dort hauptsächlich Spanisch.

Guaraní ist damit keineswegs eine Sprache einer kleinen Minderheit. Sie gehört zum sprachlichen Alltag eines großen Teils der Bevölkerung.

Amtssprache seit 1992

Auch rechtlich ist die Situation eindeutig.

Die paraguayische Verfassung von 1992 erklärte Guaraní neben Spanisch zur Amtssprache des Landes.

Mit dem Sprachengesetz von 2010 wurde diese Gleichstellung weiter konkretisiert.

Der Staat soll gewährleisten, dass Bürger beide Amtssprachen verwenden können. Das betrifft nicht nur Schulen oder kulturelle Veranstaltungen.

Auch öffentliche Dokumente, Formulare, Behördenkommunikation, Beschilderungen und Dienstleistungen sollen die sprachliche Realität des Landes berücksichtigen.

Auf dem Papier stehen Guaraní und Spanisch damit nebeneinander.

Im Alltag der Institutionen ist diese Gleichstellung jedoch noch nicht überall erreicht.

Eine gesprochene Sprache muss auch sichtbar werden

Genau hier setzt die Secretaría de Políticas Lingüísticas an.

Ihre Aufgabe besteht unter anderem darin, darauf hinzuwirken, dass beide Amtssprachen in staatlichen Formularen und Dokumenten, auf öffentlichen Schildern und in der Kommunikation der Behörden verwendet werden.

Dass dies weiterhin aktiv gefördert werden muss, zeigt bereits, dass die rechtliche Gleichstellung allein nicht genügt.

Noch im Juli schulte die Sprachbehörde Mitarbeiter der Procuraduría General de la República, um eine zweisprachige Betreuung der Bevölkerung zu verbessern.

Auch die paraguayische Raumfahrtbehörde erhielt neue zweisprachige institutionelle Materialien.

Im August wurden zusätzlich Kommunikationsverantwortliche staatlicher Einrichtungen im Gebrauch von Guaraní geschult.

Es geht also nicht darum, Guaraní erst wiederzuentdecken.

Es geht darum, eine längst gesprochene Sprache auch dort selbstverständlich zu machen, wo Paraguay offiziell mit seinen Bürgern kommuniziert.

„Rohayhu Che Ñe’ẽ“

Die Kampagne „Rohayhu Che Ñe’ẽ – Una Semana en Lengua Guaraní“ gibt es bereits seit 2014.

2026 findet sie zum zwölften Mal statt.

Die Idee ist einfach: Eine Woche lang soll Guaraní bewusst stärker verwendet werden.

Nicht nur von Privatpersonen.

Auch Schulen, öffentliche Einrichtungen, Medien, Unternehmen und gesellschaftliche Organisationen sind eingeladen, Guaraní in ihrer Kommunikation einzusetzen.

Dabei geht es ausdrücklich auch um Bereiche, in denen die Sprache traditionell weniger präsent war: Arbeitswelt, institutionelle Kommunikation und digitale Plattformen.

Guaraní verändert sich

Gleichzeitig verändert sich die Sprache selbst.

Guaraní findet zunehmend seinen Weg in soziale Netzwerke, Musik und digitale Medien. Junge Paraguayer verwenden die Sprache auf TikTok und Instagram, Musiker verbinden sie mit Rap, Jazz oder moderner Popmusik.

Auch neue technische Begriffe müssen ihren Platz in der Sprache finden.

Das ist für ihre Zukunft entscheidend.

Eine Sprache bleibt nicht dadurch lebendig, dass man sie ausschließlich als kulturelles Erbe schützt. Sie bleibt lebendig, wenn Menschen mit ihr über das sprechen können, was heute geschieht.

Über Politik und Wissenschaft ebenso wie über Fußball, künstliche Intelligenz oder das nächste Video auf dem Smartphone.

Und dann gibt es noch Jopara

Die sprachliche Wirklichkeit Paraguays lässt sich ohnehin nicht vollständig in zwei getrennte Kategorien aufteilen.

Viele Menschen wechseln im Gespräch selbstverständlich zwischen Guaraní und Spanisch.

Daraus entsteht Jopara, eine Mischform, in der Wörter und Strukturen beider Sprachen ineinander übergehen.

Sprachpuristen betrachten diese Vermischung teilweise kritisch.

Aus gesellschaftlicher Sicht zeigt Jopara aber auch etwas anderes: Sprache richtet sich nicht nach Behörden oder Wörterbüchern. Menschen verwenden sie so, wie sie für ihren Alltag funktioniert.

Das erklärt möglicherweise auch, warum statistisch so viele Paraguayer angeben, zu Hause sowohl Guaraní als auch Spanisch zu sprechen.

Die eigentliche Herausforderung liegt außerhalb des Wohnzimmers

Guaraní steht heute nicht vor dem Problem, dass niemand mehr die Sprache spricht.

Die aktuellen Zahlen zeigen eher das Gegenteil.

Die größere Herausforderung besteht darin, dass gesellschaftliche Bedeutung und institutionelle Sichtbarkeit nicht immer übereinstimmen.

Eine Sprache kann von Millionen Menschen täglich gesprochen werden und trotzdem auf einem Formular, einer Unternehmenswebseite oder einem Behördenschild fehlen.

Genau deshalb ist eine Kampagne wie „Rohayhu Che Ñe’ẽ“ mehr als folkloristische Sprachpflege.

Sie stellt eine einfache Frage:

Wenn Guaraní tatsächlich eine der beiden Amtssprachen Paraguays ist, warum sollte man das nicht auch sehen können?

Voces Guaraní zu diesem Beitrag

Rohayhu Che Ñe’ẽ
Wörtlich ungefähr: „Ich liebe meine Sprache.“ Rohayhu bedeutet „ich liebe dich“, che bedeutet „mein/meine“ und ñe’ẽ kann je nach Zusammenhang „Sprache“, „Wort“ oder „Stimme“ bedeuten. Der Ausdruck ist der Name der Kampagne zur stärkeren Verwendung und Sichtbarkeit des Guaraní.
Avañe’ẽ
Eine traditionelle Bezeichnung für die Guaraní-Sprache. Ava bezeichnet den Menschen beziehungsweise die Person und ñe’ẽ Sprache oder Stimme. Sinngemäß lässt sich Avañe’ẽ als „Sprache der Menschen“ verstehen.
Jopara
Bedeutet sinngemäß „Mischung“ oder „vermischt“. Im sprachlichen Alltag Paraguays bezeichnet Jopara die vielfältigen Mischformen aus Guaraní und Spanisch. Es handelt sich dabei nicht um eine einzige festgelegte Sprachform. Wie stark Guaraní und Spanisch vermischt werden, unterscheidet sich je nach Sprecher, Region und Situation.

Quellen

Secretaría de Políticas Lingüísticas (SPL): „Rohayhu Che Ñe’ẽ – Una Semana en Lengua Guaraní“, 12. Ausgabe, August 2026.

Instituto Nacional de Estadística (INE): Encuesta Permanente de Hogares Continua 2025, aktuelle Sprachdaten, veröffentlicht im Februar 2026.

Secretaría de Políticas Lingüísticas: Política Lingüística Nacional und aktuelle Maßnahmen zur zweisprachigen institutionellen Kommunikation, Juli und August 2026.

Verfassung der Republik Paraguay und Ley N.º 4251/10 de Lenguas.

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