Asunción, 16. September 2026. Paraguay und Brasilien wollen prüfen, wie ihre Stromnetze künftig stärker miteinander verbunden werden können. Vertreter des paraguayischen Außenministeriums, des Ministeriums für Industrie und Handel und des staatlichen Stromversorgers ANDE haben dazu technische Möglichkeiten einer engeren Energieverbindung mit dem Nachbarland beraten.
Was zunächst wie eine technische Detailfrage klingt, berührt eine der wichtigsten wirtschaftspolitischen Ressourcen Paraguays: elektrische Energie.
Paraguay verfügt dank seiner Wasserkraft über große Mengen erneuerbaren Stroms. Gleichzeitig steigt der eigene Energiebedarf durch Industrie, Klimatisierung, Elektromobilität, Rechenzentren und die geplante Ansiedlung energieintensiver Unternehmen.
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Sponsoring-Möglichkeiten ansehenEine flexiblere Verbindung mit Brasilien könnte deshalb langfristig sowohl für die Versorgungssicherheit als auch für die Vermarktung paraguayischer Energie interessant werden.
Das Problem liegt bei 50 und 60 Hertz
Eine unmittelbare Verbindung der beiden Stromsysteme ist technisch nicht trivial.
Paraguay betreibt sein Stromnetz mit einer Frequenz von 50 Hertz, Brasilien dagegen mit 60 Hertz.
Elektrische Wechselstromnetze unterschiedlicher Frequenz können nicht einfach direkt miteinander verbunden werden. Für den Energieaustausch sind technische Einrichtungen erforderlich, die Strom zwischen den beiden Systemen übertragen können.
Genau diese technischen Alternativen standen nach Angaben der paraguayischen Regierung bei dem Treffen im Mittelpunkt.
Außenminister Rubén Ramírez Lezcano empfing dazu Industrie- und Handelsminister Marco Riquelme, ANDE-Präsident Miguel Báez sowie technische Mitarbeiter der beteiligten Institutionen.
Itaipú kennt das Problem seit Jahrzehnten
Völlig neu ist die Herausforderung nicht.
Das Wasserkraftwerk Itaipú produziert Strom sowohl mit 50 als auch mit 60 Hertz. Der für Brasilien bestimmte Strom aus dem 50-Hertz-System kann nicht unmittelbar in das brasilianische Verbundnetz eingespeist werden.
Dafür existiert eine Hochspannungs-Gleichstromübertragung. Elektrischer Wechselstrom wird zunächst in Gleichstrom umgewandelt, über große Entfernung übertragen und anschließend wieder in Wechselstrom mit der benötigten Frequenz umgewandelt.
Die entsprechende Verbindung zwischen Foz do Iguaçu und Ibiúna im Bundesstaat São Paulo erstreckt sich über rund 810 Kilometer.
Das zeigt, dass eine technische Lösung grundsätzlich möglich ist. Für zusätzliche Verbindungen zwischen den nationalen Stromnetzen müssen jedoch Kosten, Kapazitäten und konkrete technische Ausgestaltung geklärt werden.
Energie wird für Paraguay strategischer
Die Gespräche finden zu einem Zeitpunkt statt, an dem sich Paraguays Umgang mit seiner Energie verändert.
Jahrzehntelang stand vor allem die Stromproduktion der binationalen Wasserkraftwerke Itaipú und Yacyretá sowie die Nutzung beziehungsweise Abgabe nicht benötigter Energie im Mittelpunkt.
Inzwischen verfolgt die Regierung stärker das Ziel, elektrische Energie im eigenen Land wirtschaftlich zu nutzen.
Industrieansiedlungen, Elektromobilität und insbesondere Rechenzentren und künstliche Intelligenz erhöhen den möglichen Bedarf erheblich.
Erst vor wenigen Tagen diskutierten Regierung und Unternehmen beim Taiwan-Paraguay Technology Forum darüber, wie günstige erneuerbare Energie genutzt werden könnte, um technologieintensive Investitionen nach Paraguay zu holen.
Damit entsteht eine strategische Abwägung.
Strom kann exportiert werden. Er kann aber auch innerhalb Paraguays eingesetzt werden, um Produkte, Dienstleistungen und digitale Rechenleistung zu erzeugen, deren wirtschaftlicher Wert höher sein kann als jener der Elektrizität allein.
Brasilien bleibt der entscheidende Nachbar
Für Paraguay ist Brasilien in dieser Frage besonders wichtig.
Beide Länder sind bereits über Itaipú eng miteinander verbunden. Brasilien ist gleichzeitig der größte Strommarkt Südamerikas und einer der wichtigsten Wirtschafts- und Handelspartner Paraguays.
Dass ANDE-Präsident Miguel Báez am 14. September auch den brasilianischen Botschafter José Antonio Marcondes de Carvalho empfing, unterstreicht die aktuelle Intensität des Dialogs.
Nach Angaben der ANDE standen dabei ausdrücklich die regionale Energieintegration und die Zusammenarbeit im Stromsektor auf der Tagesordnung.
Noch ist nichts entschieden
Aus den Gesprächen sollte allerdings noch kein neues Infrastrukturprojekt abgeleitet werden.
Die paraguayischen Behörden sprechen derzeit von der Analyse technischer Alternativen und Möglichkeiten zur Erleichterung einer Interkonnektion.
Weder eine konkrete neue Stromleitung noch deren Standort, Kapazität, Kosten oder Zeitplan wurden angekündigt.
Damit befindet sich das Vorhaben noch in einer frühen Phase.
Trotzdem ist die Diskussion wirtschaftlich relevant. Denn mit wachsendem Stromverbrauch muss Paraguay entscheiden, wie es seine außergewöhnliche Energieposition in den kommenden Jahrzehnten nutzen will.
Eine stärkere Verbindung mit Brasilien könnte dabei eine zusätzliche Option schaffen.
Die eigentliche strategische Frage reicht jedoch weiter: Wie viel der in Paraguay verfügbaren Energie soll künftig exportiert werden – und wie viel soll im Land bleiben, um dort industrielle und technologische Wertschöpfung entstehen zu lassen?
Diese Frage dürfte für Paraguays wirtschaftliche Entwicklung zunehmend wichtiger werden.
Quellen
Agencia IP, 15. September 2026: Autoridades analizan mecanismos técnicos para la interconexión eléctrica entre Paraguay y Brasil
Administración Nacional de Electricidad, 14. September 2026: Presidente de la ANDE recibe visita de cortesía del Embajador de Brasil
Ministerio de Relaciones Exteriores Paraguay: Dokumentation zum Energieaustausch Paraguay–Brasilien und zur unterschiedlichen Netzfrequenz