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PARAPUNTO Dossier

1. September 2026 · Cordillera

DOSSIER: Kann der Ypacaraí-See wieder ein Badesee werden?

PARAPUNTO-Dossier

Seit Jahrzehnten leidet Paraguays berühmtester See unter Nährstoffeinträgen, Abwässern und wiederkehrenden Cyanobakterien. Gleichzeitig investiert der Staat inzwischen dreistellige Millionenbeträge in die Sanierung seines Einzugsgebiets. PARAPUNTO hat wissenschaftliche Studien, Behördenberichte und aktuelle Projekte ausgewertet. Das Ergebnis ist differenzierter als „der See ist tot“ oder „man muss ihn nur reinigen“: Der Ypacaraí ist grundsätzlich sanierbar. Aber nicht mit einer einzelnen technischen Maßnahme und vermutlich auch nicht schnell.

Redaktion PARAPUNTO · 1. September 2026

San Bernardino ohne Lago Ypacaraí ist schwer vorstellbar. Die Stadt lebt mit dem See, touristisch, kulturell und wirtschaftlich. Strandpromenade, Wassersport, Gastronomie und Ferienhäuser orientieren sich noch immer an einem Gewässer, das längst nicht mehr zuverlässig jene Funktion erfüllen kann, die für einen Ferienort eigentlich selbstverständlich wäre: Man kann es ansehen, überqueren und an seinen Ufern sitzen. Zum Baden ist das Wasser nach der jüngsten öffentlich auffindbaren offiziellen Bewertung des Umweltministeriums MADES jedoch nicht freigegeben.

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Das ist besonders bemerkenswert, weil der See keineswegs ein abgelegenes Naturproblem ist. Rund um sein Einzugsgebiet liegen dicht besiedelte Städte und Gemeinden. Der Großraum Asunción reicht immer näher an die Wasserscheide heran. Gleichzeitig gehört der Lago Ypacaraí zu den kulturell bekanntesten Landschaften Paraguays.

Die Frage, ob der See wieder sauber werden kann, ist deshalb nicht nur ökologisch. Sie betrifft Tourismus, Immobilienwerte, Infrastruktur, öffentliche Gesundheit und die wirtschaftliche Zukunft von San Bernardino und der gesamten Region.

Und sie lässt sich wissenschaftlich inzwischen ziemlich gut eingrenzen.

Ein großer See, der eigentlich sehr flach ist

Der Lago Ypacaraí umfasst bei mittlerem Wasserstand ungefähr 60 Quadratkilometer. Er ist rund 14 Kilometer lang und bis zu sechs Kilometer breit.

Entscheidend ist aber seine Tiefe: durchschnittlich nur etwa 1,7 Meter, maximal rund 2,5 Meter. Das gespeicherte Wasservolumen liegt bei ungefähr 101 Millionen Kubikmetern. Wissenschaftlich handelt es sich damit um einen ausgesprochen flachen subtropischen See.

Diese Eigenschaft ist für seine Probleme zentral.

Wind kann einen derart flachen Wasserkörper wesentlich stärker durchmischen als einen tiefen Alpensee. Stoffe, die über Zuflüsse eingetragen werden, bleiben deshalb nicht notwendigerweise dort, wo sie in den See gelangen. Ältere Untersuchungen beschreiben den Ypacaraí anschaulich als ein System, das sich hydraulisch teilweise wie ein gut durchmischter Reaktor verhält.

Das ist für jede Sanierung wichtig: Man kann den See nicht sinnvoll behandeln, als bestünde er aus voneinander unabhängigen Buchten.

Das eigentliche Problem heißt Eutrophierung

In der öffentlichen Diskussion wird meist von „Verschmutzung“ gesprochen. Wissenschaftlich präziser ist ein anderer Begriff:

Eutrophierung.

Ein Gewässer erhält dabei zu viele Nährstoffe, insbesondere Phosphor und Stickstoff. Für Pflanzen und Algen sind diese Stoffe grundsätzlich notwendig. Zu viel davon verändert jedoch das gesamte ökologische Gleichgewicht.

Algen und Cyanobakterien können sich massiv vermehren. Beim Abbau organischen Materials wird Sauerstoff verbraucht. Sichttiefe und Artenzusammensetzung verändern sich. Bestimmte Cyanobakterien können zusätzlich Giftstoffe produzieren.

Eine umfassende wissenschaftliche Analyse des Ypacaraí kam bereits 2018 zu dem Ergebnis, dass der See stark eutrophiert ist und der Phosphorgehalt langfristig ansteigt. Die Autoren machten gleichzeitig deutlich, dass der Ypacaraí aufgrund seiner geringen Tiefe, seiner Hydrologie und seines subtropischen Klimas ein besonders komplexes System ist.

Neuere Forschung bestätigt das Problem.

Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von Messdaten aus 2015 und 2016 fand Spitzenwerte von 3,51 mg/l Gesamt-Kjeldahl-Stickstoff und 1,04 mg/l Gesamtphosphor. Die Autoren bewerten diese Konzentrationen als Hinweis auf einen fortgeschrittenen eutrophen Zustand und fanden insbesondere einen Zusammenhang zwischen Stickstoff, Temperatur und dem Auftreten von Microcystis aeruginosa.

Cyanobakterien sind nur ein Teil des Problems

Der sichtbarste Ausdruck der Krise sind die sogenannten Blaualgen.

Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Algen, sondern um Cyanobakterien. Bestimmte Arten können Cyanotoxine produzieren, darunter Microcystine. Solche Stoffe können bei hoher Exposition gesundheitlich problematisch sein.

Im Lago Ypacaraí wurden unter anderem Microcystis, Pseudanabaena und Dolichospermum nachgewiesen.

Doch hier zeigt sich eine wichtige Besonderheit, die in vielen vereinfachten Berichten verloren geht.

Forscher des CEMIT der Universidad Nacional de Asunción untersuchten die Strände von San Bernardino, Ypacaraí und Areguá über die Sommerperioden 2022 bis 2024.

In San Bernardino wurden im Januar 2022 zeitweise bis zu 29.393 Cyanobakterienzellen pro Milliliter gemessen.

Danach entwickelte sich die Situation allerdings deutlich günstiger: In zahlreichen Proben der Sommer 2022/23 und 2023/24 wurden in San Bernardino überhaupt keine Cyanobakterien gefunden. Lediglich bei einer Messung im Dezember 2023 wurden 1.573 Zellen/ml festgestellt.

Das klingt zunächst wie Entwarnung.

Es ist aber keine.

Ein See kann ohne sichtbare Blaualgen trotzdem nicht zum Baden geeignet sein

Genau hier muss zwischen zwei Problemen unterschieden werden.

Die Cyanobakterien sind ein biologischer Indikator und potenzielles Gesundheitsrisiko.

Daneben gibt es aber die klassische Gewässerverschmutzung durch Abwasser und Nährstoffe.

MADES untersuchte im Januar 2024 mehrere Badestellen rund um den See, darunter die Playa Municipal Rotonda und die Playa Municipal Ciclovía in San Bernardino.

Die Behörde stellte bei mehreren Parametern Überschreitungen der paraguayischen Anforderungen für Wasser der Klasse 2 fest. Genannt wurden unter anderem Gesamtstickstoff, Gesamtphosphor, Ammoniumstickstoff, Gesamtcoliforme und der biochemische Sauerstoffbedarf.

MADES erklärte die untersuchten Gewässer deshalb ausdrücklich als nicht geeignet zum Baden oder zum menschlichen Konsum ohne entsprechende Behandlung.

Bei unserer Recherche bis 1. September 2026 konnten wir keine spätere veröffentlichte MADES-Mitteilung finden, die diese Empfehlung ausdrücklich aufgehoben hätte.

Das führt zu einer wichtigen Erkenntnis:

Wenige Cyanobakterien bedeuten nicht automatisch sauberes Badewasser.

Ein seriöses Badegewässer-Monitoring müsste unter anderem fäkale Belastungen und Cyanobakterien getrennt betrachten.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Freizeitgewässer genau deshalb ein risikobasiertes System aus laufender Überwachung, mikrobiologischen Kriterien, Cyanobakterien-Monitoring und schneller Information der Bevölkerung.

Woher kommen die Nährstoffe?

Der Ypacaraí ist nicht deshalb eutrophiert, weil Menschen unmittelbar am Strand etwas ins Wasser werfen.

Das eigentliche Problem ist wesentlich größer:

das gesamte Einzugsgebiet.

Je nach Abgrenzung umfasst es rund 1.100 Quadratkilometer. In diesem Gebiet befinden sich 21 Gemeinden. Wasser aus Siedlungen, Straßen, Landwirtschaft, Industrie und Viehhaltung gelangt über kleinere Gewässer schließlich in das Seesystem.

Besonders wichtig sind die Einzugsgebiete der Zuflüsse Yukyry und Pirayú.

Eine wissenschaftliche Analyse der historischen Belastung kam zu dem Ergebnis, dass unbehandelte häusliche und industrielle Abwässer einen großen Teil der Nährstoffeinträge verursachten. Landwirtschaft und Viehzucht spielen ebenfalls eine erhebliche Rolle. Die genaue Verteilung dieser Belastungsquellen kann sich mit Siedlungsentwicklung und Infrastruktur verändern, weshalb ältere Prozentwerte nicht einfach als heutige Messwerte behandelt werden dürfen.

Das Grundproblem bleibt aber bestehen:

Der See ist das Ende einer langen Kette von Belastungen, die weit außerhalb von San Bernardino entstehen können.

Besonders problematisch: die schnell wachsenden Städte

Ein entscheidender Teil der Belastung liegt im dichter besiedelten Einzugsgebiet des Arroyo Yukyry.

Dort befinden sich unter anderem Gebiete von Capiatá, Itauguá und weiteren Städten des Metropolraums.

Wo Bevölkerung schneller wächst als Kanalisation und Abwasserbehandlung, gelangen Stickstoff, Phosphor, organische Stoffe und mikrobiologische Belastungen letztlich in die Oberflächengewässer.

Dass urbane Gebiete eine zentrale Rolle spielen, zeigen auch Untersuchungen der Sedimente.

Forscher fanden in den Sedimenten von Zuflüssen deutlich höhere Phosphormengen als im eigentlichen See. Besonders hohe Konzentrationen traten an Gewässerabschnitten in stark urbanisierten Gebieten auf.

Für die Sanierung folgt daraus eine ziemlich klare Priorität:

Abwasser, das nicht mehr in die Zuflüsse gelangt, muss später auch nicht aus dem See entfernt werden.

Warum kann man den See nicht einfach „reinigen“?

Die Vorstellung klingt naheliegend: Man installiert Filter, Pumpen oder Belüfter und reinigt das Wasser.

Bei einem See von 60 Quadratkilometern funktioniert diese Logik nur sehr begrenzt.

Selbst wenn es technisch möglich wäre, große Wassermengen zu behandeln, würde belastetes Wasser aus dem Einzugsgebiet kontinuierlich nachströmen.

Das wäre vergleichbar mit einer Badewanne, bei der man versucht, das Wasser zu reinigen, während gleichzeitig der Abfluss verstopft ist und der verschmutzte Wasserhahn weiterläuft.

Die Reihenfolge muss deshalb grundsätzlich lauten:

Zuerst Belastung reduzieren. Dann das Ökosystem stabilisieren.

Deshalb konzentriert sich auch der aktuelle paraguayische Sanierungsplan vor allem auf Kanalisation und Abwasserbehandlung und nicht auf eine spektakuläre Maschine mitten im See.

Paraguay investiert inzwischen massiv

Hier hat sich gegenüber früheren Jahrzehnten etwas Wesentliches verändert.

Der aktuelle Programa de Saneamiento de la Cuenca del Lago Ypacaraí des paraguayischen Staates und der Interamerikanischen Entwicklungsbank befindet sich inzwischen in der Umsetzungsphase.

Für die erste große Etappe stellt die IDB einen Kredit von 154 Millionen US-Dollar bereit. Hinzu kommen 7,7 Millionen US-Dollar aus dem IDB-CLIMA-Programm. Zusammen entspricht das rund 162 Millionen Dollar beziehungsweise derzeit ungefähr 140 Millionen Euro.

Das größere langfristige Sanierungskonzept wurde vom MOPC bereits mit einem Gesamtbedarf von etwa 450 Millionen US-Dollar, rund 390 Millionen Euro, angegeben.

Die erste Phase konzentriert sich auf Gebiete, in denen sich mit Abwasserinfrastruktur besonders große Effekte erzielen lassen.

Geplant sind neue oder ausgebaute Kanalisation und Abwasserbehandlung für 27.341 Haushalte in Capiatá, Itauguá und Areguá. In San Bernardino sollen weitere rund 1.600 Haushalte von Verbesserungen des Sanitärsystems profitieren. Außerdem sind Maßnahmen zur Wiederherstellung degradierter Flächen und zum besseren Management des gesamten Einzugsgebiets vorgesehen.

Das ist kein kleiner Umweltversuch mehr.

Es ist ein Infrastrukturprojekt von nationaler Größenordnung.

Auch San Bernardino bekommt eine wichtigere Kläranlage

Für San Bernardino ist insbesondere die bestehende Abwasserbehandlung relevant.

Das MOPC hat ausdrücklich angekündigt, die dortige Anlage zu ertüchtigen. Ziel ist nicht nur eine höhere Kapazität, sondern eine bessere Kontrolle der in das Gewässersystem eingetragenen Nährstoffe.

Ein bemerkenswertes Detail des IDB-CLIMA-Programms zeigt, wie zentral Phosphor inzwischen betrachtet wird:

Ein Ergebnisindikator verlangt, dass 90 Prozent der Proben am Ablauf des Behandlungssystems maximal 4 mg/l Phosphor enthalten dürfen.

Das allein macht den See noch nicht sauber. Es zeigt aber, dass die Sanierungsstrategie inzwischen ausdrücklich an messbaren Nährstoffzielen ausgerichtet wird.

Das zweite Problem: der Wasserhaushalt

Wasserqualität lässt sich beim Ypacaraí nicht unabhängig von der Wassermenge betrachten.

Der See wird unter anderem von Yukyry und Pirayú gespeist und entwässert über den Río Salado Richtung Río Paraguay.

2024 stellte MADES zeitweise fest, dass weniger Wasser in den See gelangte, als über den Río Salado abfloss. Trockenheit und andere hydrologische Faktoren führten zu sinkenden Wasserständen.

Bei einem ohnehin sehr flachen See kann ein niedriger Wasserstand erheblich sein.

Weniger Wasservolumen bedeutet potenziell höhere Konzentrationen eingetragener Stoffe. Gleichzeitig verändern sich Temperatur, Flachwasserzonen, Winddurchmischung und Lebensräume.

Deshalb wäre es zu einfach, ausschließlich eine Kanalisation zu bauen und anschließend davon auszugehen, dass der See automatisch in einen stabilen Zustand zurückkehrt.

Hydrologie und Wasserqualität gehören zusammen.

Und was liegt bereits im Sediment?

Auch nachdem externe Einträge sinken, bleibt eine weitere wissenschaftliche Frage:

Wie viel Nährstoff steckt bereits im System?

Untersuchungen von Sedimenten im See und in seinen Zuflüssen zeigen verschiedene Phosphorfraktionen, von denen Teile prinzipiell wieder mobilisiert werden können. Besonders hohe Konzentrationen wurden in Sedimenten urban beeinflusster Zuflüsse festgestellt.

Das bedeutet nicht automatisch, dass der gesamte Seegrund ausgebaggert oder chemisch behandelt werden müsste.

Im Gegenteil: Solche Eingriffe können teuer sein und erhebliche ökologische Nebenwirkungen verursachen.

Vor einer solchen Entscheidung müsste untersucht werden, wie groß die interne Nährstofffreisetzung heute tatsächlich ist, wie viel davon durch Wind und Resuspension mobilisiert wird und wie sich das System nach einer deutlichen Reduktion der externen Belastung entwickelt.

Genau an dieser Stelle wird langfristiges wissenschaftliches Monitoring entscheidend.

Das Monitoring selbst hat Lücken

Auch hier gibt es Nachholbedarf.

Für das Einzugsgebiet existierte früher eine automatische Messstruktur mit mehreren Stationen an Zuflüssen und am Río Salado. In den Planungsunterlagen des aktuellen Sanierungsprogramms wird jedoch festgehalten, dass wesentliche Teile dieser früheren Infrastruktur nicht mehr operativ waren.

Der neue Sanierungsplan sieht deshalb ausdrücklich den Aufbau beziehungsweise die Verbesserung einer Messinfrastruktur für Wasserqualität und Wassermenge vor.

Das ist mehr als ein technisches Detail.

Ohne belastbare Zeitreihen lässt sich kaum unterscheiden, ob eine Verbesserung durch eine Kläranlage, einen besonders niederschlagsreichen Sommer, geringere Temperaturen oder zufällige hydrologische Bedingungen entstanden ist.

Ein saniertes Gewässer braucht deshalb ebenso eine Dateninfrastruktur wie eine Kanalisation.

Wie lange würde eine echte Sanierung dauern?

Hier wäre jede konkrete Jahreszahl unseriös.

Ein Vertreter von MADES sprach Anfang 2026 öffentlich sogar von einem möglichen Zeitraum von rund vier Jahrzehnten für eine vollständige Erholung. Das ist eine Einschätzung, keine wissenschaftlich garantierte Prognose.

Entscheidend ist ohnehin, was unter „Erholung“ verstanden wird.

Es gibt mindestens drei unterschiedliche Ziele:

1. Weniger ungeklärtes Abwasser im See.
Das lässt sich durch Infrastruktur vergleichsweise direkt beeinflussen.

2. Wasserqualität, die an bestimmten Badestellen regelmäßig gesundheitliche Anforderungen erfüllt.
Das könnte wesentlich früher erreichbar sein als eine vollständige ökologische Erholung des gesamten Sees.

3. Ein langfristig stabiles, ökologisch gesundes Seesystem.
Das ist das schwierigste Ziel und dürfte wesentlich länger dauern.

Diese Unterscheidung eröffnet für San Bernardino eine interessante Frage.

Könnte San Bernardino früher wieder eine sichere Badezone bekommen?

Grundsätzlich ist das wissenschaftlich nicht ausgeschlossen.

Aber eine solche Aussage müsste sehr präzise definiert werden.

Eine ausgewählte Badezone könnte mit einem wesentlich intensiveren Überwachungsprogramm versehen werden als der gesamte See. Denkbar wären kontinuierliche Messungen von Temperatur, Sauerstoff, Trübung, Leitfähigkeit und Chlorophyll sowie regelmäßige Laboruntersuchungen auf E. coli, Enterokokken, Cyanobakterien, Cyanotoxine, Stickstoff und Phosphor.

Die WHO empfiehlt für stark frequentierte Freizeitgewässer genau solche standortbezogenen Recreational Water Safety Plans, kombiniert mit visueller Kontrolle, Laboranalysen und schneller Warnung der Besucher.

Damit könnte man erstmals verlässlich beantworten:

An welchen Tagen und unter welchen Bedingungen wäre das Wasser an einer bestimmten Stelle tatsächlich zum Baden geeignet?

Das wäre bereits ein erheblicher Fortschritt gegenüber einem pauschalen Zustand „See nicht zum Baden geeignet“.

Aber kann man eine einzelne Bucht technisch sauber halten?

Hier wird es schwieriger.

Aufgrund der geringen Tiefe und starken Durchmischung des Ypacaraí lässt sich eine offene Badezone nicht einfach vom restlichen See biologisch isolieren.

Eine lokale Belüftung, Umwälzung oder Filterung könnte bestimmte Parameter beeinflussen. Sie verhindert aber nicht automatisch, dass Wind und Wasserbewegung erneut belastetes Wasser oder Cyanobakterien in die Zone transportieren.

Das ist eine Schlussfolgerung aus der bekannten Hydrodynamik des flachen Sees und müsste für den konkreten Standort durch Strömungs- und Windmodelle überprüft werden.

Eine echte Pilotzone müsste deshalb wahrscheinlich mehrere Ebenen kombinieren:

Belastungen unmittelbar am Ufer verhindern, Regen- und Abwasser kontrollieren, lokale Zuflüsse untersuchen, natürliche Filter- beziehungsweise Feuchtgebietssysteme nutzen, Strömungen modellieren und die Wasserqualität nahezu in Echtzeit überwachen.

Erst danach wäre zu entscheiden, ob zusätzliche technische Maßnahmen sinnvoll sind.

Die Grenze zwischen „sanierter Badezone“ und künstlichem Schwimmbecken

Es gibt noch eine grundsätzlichere Frage.

Man könnte theoretisch einen Uferbereich baulich vom See abtrennen, Wasser behandeln und kontrolliert austauschen.

Technisch wäre vieles möglich.

Irgendwann wäre das aber kein sanierter Lago Ypacaraí mehr, sondern ein künstliches Natur- oder Badebecken am Lago Ypacaraí.

Das kann touristisch durchaus sinnvoll sein. Man sollte es nur nicht mit einer Sanierung des eigentlichen Sees verwechseln.

Ein glaubwürdiges Pilotprojekt müsste deshalb vorher entscheiden, welches Ziel verfolgt wird:

Wollen wir demonstrieren, dass ein Abschnitt des echten Seewassers wieder sicher zum Baden genutzt werden kann?

oder:

Wollen wir unabhängig vom Zustand des Sees eine attraktive kontrollierte Badeanlage am Ufer schaffen?

Das sind wissenschaftlich und technisch zwei völlig unterschiedliche Projekte.

Was eine „Blue Beach“-Machbarkeitsstudie untersuchen müsste

Eine seriöse Machbarkeitsstudie für eine echte Badezone in San Bernardino müsste deshalb mindestens folgende Fragen beantworten:

Hydrodynamik:
Wie bewegen Wind, Zuflüsse und Wasserstand das Wasser an der vorgesehenen Küste?

Mikrobiologie:
Wie entwickeln sich E. coli, Enterokokken, Cyanobakterien und mögliche Cyanotoxine über das Jahr?

Nährstoffe:
Woher kommen Stickstoff und Phosphor in dieser konkreten Uferzone?

Sediment:
Welche Belastungen liegen am Gewässerboden und wie leicht werden sie mobilisiert?

Lokales Einzugsgebiet:
Welche Regenwasserkanäle, Bäche, Grundstücke oder Abwassersysteme beeinflussen den Strand unmittelbar?

Technische Optionen:
Welche Wirkung könnten Feuchtgebiete, Biofilter, Wasserzirkulation oder andere naturbasierte Verfahren tatsächlich erzielen?

Gesundheitliche Kriterien:
Welche messbaren Grenz- und Warnwerte bestimmen Öffnung oder Sperre der Badezone?

Monitoring:
Wie könnte ein öffentlich nachvollziehbares Ampelsystem für Badegäste funktionieren?

Erst wenn diese Daten vorhanden sind, wäre eine technische Planung sinnvoll.

Könnte dabei Wissen aus Österreich helfen?

Durchaus.

Österreich verfügt aufgrund seiner vielen intensiv touristisch genutzten Seen über erhebliche wissenschaftliche Erfahrung mit Gewässergüte, Abwasserbehandlung, limnologischer Überwachung und Seensanierung.

An der BOKU University in Wien arbeitet beispielsweise das Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz an Themen wie Abwasser, Gewässerschutz, Monitoring und Wasserinfrastruktur. Die BOKU koordiniert seit 2024 zudem das europäische Forschungsprojekt ProCleanLakes, das sich ausdrücklich mit Schutz und Wiederherstellung natürlicher Seen, Nährstoffanreicherung und unterschiedlichen Sanierungsansätzen beschäftigt.

Das macht eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit einer österreichischen Universität fachlich durchaus plausibel.

Eine solche Kooperation für den Ypacaraí existiert nach unserer derzeitigen Recherche allerdings nicht.

Sie müsste gemeinsam mit paraguayischen Universitäten und Behörden entwickelt werden. Gerade CEMIT und andere Einrichtungen der Universidad Nacional de Asunción verfügen bereits über langjährige lokale Daten und Forschungserfahrung.

Ein internationales Projekt wäre daher sinnvollerweise keine europäische Lösung für Paraguay, sondern eine Kooperation zwischen paraguayischem Wissen über den See und zusätzlicher internationaler Expertise.

Der wichtigste Hebel liegt nicht am Strand

So attraktiv eine Badezonen-Idee für San Bernardino wäre, das wissenschaftliche Gesamtbild ist eindeutig:

Der entscheidende Hebel zur Rettung des Lago Ypacaraí liegt im Einzugsgebiet.

Solange große Mengen ungeklärter oder unzureichend behandelter Abwässer, Nährstoffe und Sedimente über Zuflüsse in den See gelangen, muss jede lokale technische Maßnahme gegen einen permanenten Nachschub ankämpfen.

Deshalb ist das aktuell laufende große Abwasserprogramm wahrscheinlich wesentlich wichtiger als jedes sichtbare Projekt unmittelbar am See.

Es ist weniger spektakulär.

Kilometer Kanalrohre und Kläranlagen ergeben schlechtere touristische Fotos als blaues Wasser an einer Strandpromenade.

Ökologisch sind sie aber wahrscheinlich die Voraussetzung dafür.

Ist der Ypacaraí also noch zu retten?

Ja, nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand spricht nichts dafür, dass der See prinzipiell irreversibel verloren wäre.

Aber „retten“ bedeutet nicht, irgendeinen Stoff in das Wasser zu geben und nach zwei Jahren wieder einen klaren See zu erhalten.

Der Ypacaraí ist ein großräumiges ökologisches System, dessen Zustand durch Abwasser, Nährstoffe, Landnutzung, Zuflüsse, Sedimente, Wasserstand, Klima und Hydrodynamik gleichzeitig beeinflusst wird.

Die gute Nachricht ist, dass Paraguay inzwischen dort ansetzt, wo Experten seit Jahren den größten Handlungsbedarf sehen: bei der Abwasserinfrastruktur des Einzugsgebiets.

Die weniger angenehme Nachricht lautet:

Die Wirkung wird Zeit brauchen.

Trotzdem muss San Bernardino möglicherweise nicht warten, bis der letzte ökologische Parameter des gesamten 60 Quadratkilometer großen Sees wieder optimal ist.

Eine wissenschaftlich überwachte Pilot-Badezone könnte deshalb eine legitime Forschungsfrage sein.

Nicht als Abkürzung an der Sanierung vorbei.

Sondern als Teil davon.

PARAPUNTO-Fazit

Der Lago Ypacaraí leidet nicht an einem einzelnen Problem, sondern an einem Systemproblem.

Die Forschung zeigt hohe Nährstoffbelastungen und wiederkehrende Cyanobakterien. Gleichzeitig zeigen neuere Messungen, dass die Belastung stark schwankt und San Bernardino zeitweise deutlich niedrigere Cyanobakteriendichten aufweist.

Das eröffnet Perspektiven.

Eine Rückkehr zum Baden ist nicht kurzfristig garantiert, aber wissenschaftlich auch keineswegs ausgeschlossen.

Drei Schritte erscheinen entscheidend:

Erstens: Die Belastung aus dem gesamten Einzugsgebiet muss drastisch sinken.

Zweitens: Der See braucht ein dauerhaftes, transparentes und engmaschiges Monitoring.

Drittens: Für San Bernardino könnte geprüft werden, ob eine einzelne, wissenschaftlich kontrollierte Badezone früher erreichbar ist als die vollständige ökologische Sanierung des gesamten Sees.

Die entscheidende Frage lautet deshalb vielleicht nicht mehr:

Kann der Lago Ypacaraí jemals wieder sauber werden?

Sondern:

Wie konsequent ist Paraguay bereit, das bereits vorhandene Wissen tatsächlich umzusetzen?

Quellen und wissenschaftliche Grundlagen

Universidad Nacional de Asunción, CEMIT/FACEN: Evaluación de la concentración de cianobacterias en las playas de San Bernardino, Ypacaraí y Areguá del Lago Ypacaraí durante el periodo 2022–2024.

López Moreira et al.: Eutrophication, Research and Management History of the Shallow Ypacaraí Lake (Paraguay), Sustainability 2018.

CEMIT / Case Studies in Chemical and Environmental Engineering: Impact of turbidity, temperature, and total nitrogen on cyanobacterial blooms in Lake Ypacaraí, 2024.

MADES: Ergebnisse des Badegewässermonitorings des Lago Ypacaraí, Januar 2024.

Banco Interamericano de Desarrollo: Programa de Saneamiento de la Cuenca del Lago Ypacaraí, PR-L1193 und PR-J0001.

Ministerio de Obras Públicas y Comunicaciones: Plan Integral de Saneamiento und BID-CLIMA-Programm.

Fatecha et al.: Phosphorus fractionation in sediments of the Ypacaraí lake basin, 2016.

World Health Organization: Guidelines on Recreational Water Quality, 2021; Toxic Cyanobacteria in Water, 2021.

BOKU University: Institut für Siedlungswasserbau, Industriewasserwirtschaft und Gewässerschutz; Forschungsprojekt ProCleanLakes 2024–2028.

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