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18. September 2026 · Paraguay

Streit um grünen Dünger eskaliert: ATOME droht Paraguay mit internationalem Schiedsverfahren

Geplanter Standort des ATOME-Projekts in Villeta. Das britische Unternehmen will dort mit paraguayischer Wasserkraft kohlenstoffarmen Dünger produzieren. Nach dem Streit über langfristige Strompreise hat ATOME Paraguay nun offiziell über einen Investitionsstreit informiert.
Geplanter Standort des ATOME-Projekts in Villeta. Das britische Unternehmen will dort mit paraguayischer Wasserkraft kohlenstoffarmen Dünger produzieren. Nach dem Streit über langfristige Strompreise hat ATOME Paraguay nun offiziell über einen Investitionsstreit informiert. Foto: Archivo ÚH.Gentileza.

Asunción/Villeta, 18. September 2026. Der Konflikt um eines der größten angekündigten Industrieprojekte Paraguays erreicht eine neue Stufe. Das britische Unternehmen ATOME PLC hat Paraguay offiziell über einen Investitionsstreit informiert und angekündigt, gegebenenfalls ein internationales Schiedsverfahren einzuleiten.

Im Zentrum steht das geplante Werk für kohlenstoffarmen Dünger in Villeta und vor allem die Frage, zu welchen Bedingungen Paraguay dem Unternehmen langfristig elektrische Energie zur Verfügung stellt.

ATOME beziffert das geplante Investitionsvolumen des Projekts auf rund 665 Millionen US-Dollar und bezeichnet Villeta als seine wichtigste industrielle Investition in Paraguay.

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Eine Klage gegen Paraguay gibt es derzeit allerdings noch nicht.

Drei Monate Zeit für eine Einigung

ATOME übermittelte am 17. September eine sogenannte Notice of Dispute and Intent to Submit a Claim to Arbitration.

Das Unternehmen beruft sich dabei auf das bilaterale Investitionsschutzabkommen zwischen Paraguay und dem Vereinigten Königreich.

Die Procuraduría General de la República stellte noch am Donnerstagabend klar, dass damit weder eine Klage noch ein internationales Schiedsverfahren eröffnet worden sei.

Die Mitteilung zeige zunächst das Bestehen einer Streitigkeit an. Gleichzeitig beginnt eine Frist von drei Monaten, in der beide Seiten versuchen können, eine einvernehmliche Lösung zu finden.

Erst wenn dies nicht gelingt, könnte ATOME weitere rechtliche Schritte einleiten.

Der Streit dreht sich um Paraguays Strom

Hinter dem Konflikt steht eine für Paraguays künftige Wirtschaftspolitik zentrale Frage.

ATOME will in Villeta mit erneuerbarer Elektrizität Wasserstoff beziehungsweise daraus gewonnenen Dünger produzieren. Paraguay verfügt aufgrund seiner Wasserkraftwerke über große Mengen erneuerbarer Energie und versucht zunehmend, diese nicht nur zu exportieren, sondern für industrielle Wertschöpfung im eigenen Land zu nutzen.

Für ein energieintensives Projekt wie jenes von ATOME ist der Strompreis deshalb ein entscheidender wirtschaftlicher Faktor.

Bereits 2022 schloss das Unternehmen mit der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft ANDE einen Stromliefervertrag über zunächst 60 Megawatt.

Für den wesentlich größeren Ausbau des Projekts wurden anschließend neue langfristige Konditionen verhandelt.

Genau daran entzündete sich der Konflikt.

Regierung hob Sonderregelungen wieder auf

Im Januar 2026 hatte die paraguayische Regierung mit mehreren Dekreten einen besonderen regulatorischen Rahmen für sogenannte Energía-a-X-Projekte geschaffen.

Darunter fallen industrielle Prozesse, bei denen elektrische Energie beispielsweise in Wasserstoff, Ammoniak oder andere Produkte umgewandelt wird.

Im Juni änderte die Regierung jedoch ihren Kurs und hob die entsprechenden Dekrete wieder auf.

Die ANDE begründete die energiepolitische Neuausrichtung damit, dass Paraguays Strom langfristig für Industrialisierung, Beschäftigung und die Versorgung des eigenen Landes eingesetzt werden müsse.

Hinzu kommt eine strategische Frage: Der paraguayische Stromüberschuss ist nicht unbegrenzt.

Mit wachsendem Verbrauch im Inland wird Energie, die heute noch exportiert oder für neue Großprojekte angeboten werden kann, zunehmend wertvoll.

ANDE lehnt langfristig niedrigen Tarif ab

Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft stellte sich schließlich gegen die von ATOME angestrebten Bedingungen.

ANDE-Präsident Miguel Báez erklärte bereits im August, dass eine langfristige Bindung an einen aus Sicht der ANDE zu niedrigen Strompreis wirtschaftlich nicht vertretbar sei.

Im Zentrum der öffentlichen Diskussion stand ein Tarif von rund 30 US-Dollar je Megawattstunde über einen Zeitraum von 15 Jahren.

Vertreter der ANDE und ihrer Ingenieure argumentierten, dass ein solcher langfristiger Preis die zukünftige Entwicklung des paraguayischen Strommarktes nicht ausreichend berücksichtige.

Die ANDE verwies außerdem darauf, dass der steigende Stromverbrauch Paraguays die derzeit verfügbaren Überschüsse in den kommenden Jahren erheblich reduzieren dürfte.

ATOME sieht Investitionsschutz verletzt

ATOME beurteilt die Situation anders.

Das Unternehmen argumentiert, dass staatliche Entscheidungen und Zusagen wesentliche Voraussetzungen für die Entwicklung und Finanzierung des Projekts geschaffen hätten.

Durch die spätere Aufhebung der entsprechenden Dekrete und die Veränderungen bei den Bedingungen des Strombezugs sieht ATOME nach eigenen Angaben Rechte aus dem Investitionsschutzabkommen zwischen Großbritannien und Paraguay verletzt.

Das Unternehmen hat die internationale Anwaltskanzlei White & Case mit dem Verfahren beauftragt.

ATOME spricht von einem potenziell erheblichen Anspruch, nennt in seiner aktuellen Mitteilung jedoch keine konkrete Forderungssumme für ein mögliches Schiedsverfahren.

Die häufig genannte Zahl von 665 Millionen US-Dollar bezeichnet das von ATOME angegebene Investitionsvolumen des Villeta-Projekts. Sie sollte deshalb nicht mit einer bereits erhobenen Schadenersatzforderung verwechselt werden.

Paraguay widerspricht Darstellung einer bereits bestehenden Klage

Die paraguayische Procuraduría reagierte noch am Donnerstag auf Berichte über eine angebliche Klage.

Sie stellte ausdrücklich fest, dass derzeit weder eine Klage noch ein Schiedsverfahren gegen Paraguay anhängig sei.

Der Staat analysiere nun die von ATOME vorgebrachten Argumente. Gleichzeitig erklärte die Procuraduría ihre Bereitschaft zum Dialog und kündigte an, die Interessen Paraguays zu verteidigen, falls es zu einem formellen Verfahren kommen sollte.

Damit beginnt zunächst eine Verhandlungsphase.

Ob daraus tatsächlich ein internationales Schiedsverfahren entsteht, ist derzeit offen.

Grundsatzfrage für Paraguays Industrialisierung

Der Konflikt reicht über ATOME hinaus.

Paraguay steht zunehmend vor der Frage, wie es seinen wichtigsten wirtschaftlichen Standortvorteil einsetzen will: große Mengen erneuerbarer Wasserkraft.

Günstiger Strom kann internationale Industrieprojekte anziehen. Sehr langfristige Lieferverträge zu niedrigen Preisen können jedoch gleichzeitig dazu führen, dass Energie gebunden wird, die später im Inland benötigt oder zu besseren Konditionen verkauft werden könnte.

Mit Rechenzentren, Wasserstoffprojekten, neuen Industrieanlagen und dem steigenden Stromverbrauch der Bevölkerung konkurrieren künftig unterschiedliche Nutzer um dieselbe Ressource.

Der Streit mit ATOME ist damit auch ein Testfall für Paraguays künftige Energie- und Investitionspolitik.

Einerseits will das Land ausländische Investitionen anziehen und Rechtssicherheit bieten. Andererseits muss die Regierung entscheiden, wie viel Energie sie zu welchen Bedingungen langfristig für einzelne Großprojekte reserviert.

Die kommenden drei Monate könnten zeigen, ob sich beide Interessen miteinander vereinbaren lassen.

Quellen

ATOME PLC, 17. September 2026: Notice of Dispute and Intent to Submit Claim to Arbitration under the UK-Paraguay Bilateral Investment Treaty

Procuraduría General de la República, 17. September 2026: Stellungnahme zur Notice of Dispute von ATOME

ANDE, 9. Juni 2026: Stellungnahme zur Aufhebung der Energía-a-X-Regelungen

Última Hora, 18. September 2026: Tras fracaso de acuerdo, Atome insinúa demanda contra el Estado

ABC Color, 17. September 2026: Bericht zur Ankündigung eines möglichen internationalen Schiedsverfahrens