Jahrtausende Geschichte in einer vermeintlich leeren Landschaft
Wer sich auf deutschsprachigen Webseiten mit dem paraguayischen Chaco beschäftigt, landet meist sehr schnell bei den Mennoniten. Menno, Fernheim, Neuland, Filadelfia und Loma Plata bestimmen die Erzählung.
Historisch beginnt die Geschichte des Chaco dort aber nicht.
Als die ersten Mennoniten 1927 in den zentralen Chaco kamen, betraten sie keinen unbewohnten Raum. Indigene Gesellschaften lebten seit sehr langer Zeit in dieser Landschaft. Europäische Kolonialmächte hatten seit Jahrhunderten versucht, ihren Einfluss westlich des Río Paraguay auszudehnen. Im 19. Jahrhundert kamen Großgrundbesitzer, Unternehmen, Händler und Missionare hinzu.
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Sponsoring-Möglichkeiten ansehenDer Chaco hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange und konfliktreiche Geschichte.
Eine Region, die größer ist als Paraguay
Der paraguayische Chaco ist Teil des Gran Chaco, einer gewaltigen südamerikanischen Landschaft, die sich über Paraguay, Argentinien und Bolivien sowie kleine Teile Brasiliens erstreckt.
Es handelt sich nicht um eine einheitliche Wüste. Trockenwälder, Savannen, Dornbusch, Palmenlandschaften, Feuchtgebiete und saisonal überschwemmte Gebiete wechseln einander ab.
Für Menschen bedeutete diese Umwelt schon immer eine besondere Herausforderung. Wasser ist ungleich verteilt. Niederschläge schwanken erheblich. Manche Gebiete werden zeitweise überschwemmt, während wenige Monate später Wasser knapp sein kann.
Diese Bedingungen beeinflussten auch die Lebensweise der Menschen.
Traditionelle indigene Gesellschaften des Gran Chaco kombinierten je nach Region und Jahreszeit Jagd, Fischfang, Sammeln und teilweise Landwirtschaft. Mobilität war dabei keine primitive Vorstufe sesshaften Lebens, sondern eine rationale Anpassung an eine Landschaft, deren Ressourcen räumlich und saisonal stark schwanken. Forschungen über die traditionellen Gesellschaften des Gran Chaco zeigen eine ausgesprochen differenzierte Anpassung an diese Umwelt.
Wie lange leben Menschen im Chaco?
Diese scheinbar einfache Frage ist überraschend schwierig zu beantworten.
Der Gran Chaco gehört archäologisch zu den weniger erforschten Regionen Südamerikas. Hitze, Böden, Vegetation und die lange Zeit geringe Forschungsintensität haben dazu beigetragen, dass wesentlich weniger archäologische Fundstellen dokumentiert wurden als beispielsweise in den Anden.
Neuere Untersuchungen verändern dieses Bild.
Archäologische Forschung im Gran Chaco deutet darauf hin, dass menschliche Besiedlung weit in die Vorgeschichte zurückreicht. Für die größere Chaco-Region wird heute sogar eine menschliche Präsenz seit dem Übergang vom Pleistozän zum Holozän diskutiert. Für den paraguayischen Chaco selbst ist die Quellenlage allerdings wesentlich dünner. Man sollte daher nicht einfach Befunde aus Argentinien auf Paraguay übertragen.
Ein besonders wichtiger Fundort liegt bei Puerto 14 de Mayo im nördlichen paraguayischen Chaco. Dort wurden menschliche Bestattungen gefunden, die auf ungefähr 1.800 Jahre vor heute datiert wurden. Es handelt sich um einen der wenigen systematisch archäologisch untersuchten Fundorte im paraguayischen Chaco.
Und die Forschung geht weiter. Erst 2024 wurde bei Isla Po’i im Rahmen archäologischer Untersuchungen zum Chacokrieg eine ältere, präkolumbische Fundstelle entdeckt. Keramik, Knochenreste und Alltagsgegenstände zeigen, dass derselbe Raum lange vor den Kämpfen des 20. Jahrhunderts genutzt wurde. Die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse wurden 2026 veröffentlicht.
Das ist wichtig. Die geringe Zahl archäologischer Funde darf nicht mit geringer menschlicher Präsenz verwechselt werden.
Viele Völker, nicht „die Chaco-Indianer“
Auch eine zweite Vereinfachung sollte vermieden werden.
Es gab nie ein einheitliches „Volk des Chaco“.
Die Region war und ist Heimat zahlreicher Gesellschaften mit unterschiedlichen Sprachen, sozialen Ordnungen und kulturellen Traditionen. Dazu gehören unter anderem Vorfahren und Gemeinschaften der heutigen Nivaclé, Enlhet, Enxet, Angaité, Sanapaná, Ayoreo, Ishir, Maká und verschiedener Guaraní-Gruppen.
Die moderne ethnologische Einteilung unterscheidet mehrere große Sprachfamilien. Dazu zählen unter anderem Mataco-Mataguayo, Enlhet-Enenlhet beziehungsweise Lengua-Maskoy, Zamuco, Guaicurú und Tupí-Guaraní.
Dabei ist Vorsicht mit historischen Namen notwendig. Europäische Reisende, Militärs und Missionare verwendeten häufig Bezeichnungen, die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Manche Gruppen wurden unter verschiedenen Namen beschrieben, andere wurden zusammengefasst, obwohl sie sich selbst als unterschiedliche Gemeinschaften verstanden.
Unsere heutigen ethnischen Kategorien lassen sich deshalb nicht immer sauber mehrere Jahrhunderte zurückprojizieren.
Der Chaco war kein isolierter Raum
Auch das Bild völlig voneinander abgeschotteter Gruppen stimmt nicht.
Zwischen den Gesellschaften des Chaco bestanden Handelskontakte, Bündnisse, verwandtschaftliche Beziehungen und Konflikte. Gleichzeitig gab es Verbindungen in die Andenregion, in das Gebiet östlich des Río Paraguay und entlang großer Flusssysteme.
Der Chaco war damit zwar schwer zugänglich, aber keineswegs von seiner Umgebung abgeschnitten.
Gerade seine Lage zwischen den Anden, dem Paraguay-Paraná-Flusssystem und den östlichen Tiefländern machte ihn zu einem Kontaktgebiet verschiedener kultureller Räume. Archäologische Forschungen zeigen Hinweise auf weitreichende Interaktionen mit benachbarten Regionen.
Dann kamen die Spanier
Mit der spanischen Expansion im 16. Jahrhundert veränderte sich das Kräfteverhältnis in Südamerika grundlegend.
Doch der Chaco unterschied sich von vielen anderen Gebieten.
Während sich die spanische Herrschaft östlich des Río Paraguay relativ früh etablierte, blieb die Kontrolle über große Teile des Chaco begrenzt.
Der Name „Chaco“ taucht nach paraguayischen historischen Quellen erstmals 1592 in spanischen Dokumenten auf. Häufig wird er vom Quechua-Wort chaku abgeleitet, das mit einer gemeinschaftlichen Jagd beziehungsweise einem großen Jagdgebiet verbunden wird. Die genaue Etymologie ist allerdings nicht unumstritten.
Spanische Quellen beschrieben das Gebiet zuvor häufig nach den dort lebenden Bevölkerungsgruppen.
Schon diese Benennungen zeigen etwas Wesentliches. Für die Kolonialverwaltung war der Chaco zunächst weniger ein klar abgegrenztes Territorium als ein Raum verschiedener indigener Gesellschaften außerhalb unmittelbarer spanischer Kontrolle.
Drei Jahrhunderte begrenzter Kontrolle
Spanische Expeditionen drangen immer wieder in den Chaco vor. Missionare versuchten, dauerhafte Stationen aufzubauen. Gleichzeitig kam es regelmäßig zu gewaltsamen Konflikten.
Trotzdem gelang es den Kolonialmächten nie, den gesamten Chaco dauerhaft zu kontrollieren.
Ein entscheidender Faktor war die Übernahme des Pferdes durch verschiedene indigene Gruppen. Es veränderte Mobilität, Jagd, Handel und Kriegführung. Einige Gesellschaften entwickelten eine ausgeprägte Reiterkultur und konnten ihren Aktionsradius erheblich vergrößern.
Historische Forschung beschreibt die Beziehungen zwischen den Gesellschaften östlich und westlich des Río Paraguay über lange Zeit als ein komplexes System aus Handel, Bündnissen, Überfällen, Krieg und gegenseitiger Anpassung.
Der Chaco blieb deshalb über Jahrhunderte eine Grenzregion.
Nicht weil dort niemand lebte, sondern weil dort Menschen lebten, die sich einer dauerhaften Kontrolle von außen lange entziehen konnten.
Missionierung und europäische Vorstellungen
Ab dem 17. und 18. Jahrhundert versuchten insbesondere christliche Missionen, indigene Gemeinschaften dauerhaft anzusiedeln.
Damit trafen zwei unterschiedliche Vorstellungen von Raum aufeinander.
Für viele indigene Gesellschaften bedeutete ein Territorium nicht notwendigerweise einen klar abgegrenzten privaten Besitz. Jagdgebiete, Wasserstellen, Sammelgebiete und saisonale Aufenthaltsorte bildeten größere Nutzungsräume.
Die europäischen Kolonialgesellschaften dachten zunehmend in festen Grenzen, Eigentumstiteln und staatlichen Territorien.
Dieser Unterschied sollte später enorme Folgen haben.
Denn Land, das aus europäischer Sicht nicht dauerhaft bebaut oder eingezäunt war, wurde häufig als „unbesetzt“ behandelt. Dass es Teil indigener Lebensräume war, spielte bei späteren Landvergaben oft kaum eine Rolle.
Paraguay wird unabhängig, der Chaco bleibt Grenzland
Auch nach der Unabhängigkeit Paraguays 1811 änderte sich daran zunächst wenig.
Der paraguayische Staat erhob Anspruch auf Gebiete westlich des Río Paraguay. Tatsächliche staatliche Präsenz und Kontrolle waren jedoch regional sehr unterschiedlich.
Militärische Expeditionen, Forts und Siedlungsversuche dienten zunehmend dazu, staatliche Souveränität sichtbar zu machen. Historische Rechtsdokumente zeigen zugleich, dass indigene Bewohner zwar faktisch seit langer Zeit dort lebten, vom Staat aber keineswegs immer als vollwertige Eigentümer oder sogar als reguläre „Siedler“ betrachtet wurden.
Damit entstand ein Widerspruch, der die weitere Geschichte prägen sollte.
Der Staat beanspruchte ein Territorium, dessen großer Teil von Menschen bewohnt wurde, deren eigene Landrechte er nur eingeschränkt anerkannte.
Nach 1870 beginnt eine neue Phase
Ein entscheidender Einschnitt war der Krieg der Triple-Allianz von 1864 bis 1870.
Paraguay ging wirtschaftlich und demografisch schwer geschädigt aus dem Krieg hervor. Der Staat benötigte Geld.
In den folgenden Jahrzehnten wurden große Flächen staatlichen Landes verkauft. Auch der Chaco wurde zunehmend für ausländische Investoren geöffnet.
Ab 1879 förderte Paraguay ausdrücklich die Besiedlung und wirtschaftliche Nutzung des westlichen Staatsgebietes. In den 1880er-Jahren beschleunigte sich der Verkauf öffentlicher Flächen erheblich.
Und damit begann eine völlig neue Form der Aneignung des Chaco.
Millionen Hektar wechseln den Besitzer
Zu den bekanntesten Investoren gehörte der in Argentinien tätige spanische Unternehmer Carlos Casado del Alisal.
Ab Mitte der 1880er-Jahre erwarb er riesige Flächen entlang des Río Paraguay. Historische Untersuchungen sprechen von mehreren Millionen Hektar.
Das wirtschaftliche Ziel war zunächst vor allem der Quebracho colorado.
Aus seinem extrem harten Holz wurde Tannin gewonnen, das die internationale Lederindustrie zum Gerben benötigte. In Puerto Casado entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine industrielle Produktion mit Hafen, Eisenbahn, Siedlungen und umfangreicher Forstwirtschaft.
Der Chaco wurde damit Teil einer internationalen Rohstoffwirtschaft.
Holz aus dem paraguayischen Chaco wurde zu Tannin verarbeitet und nach Europa und Nordamerika exportiert.
Doch wem gehörte dieses Land?
Hier beginnt ein Konflikt, der bis in die Gegenwart reicht.
Für den paraguayischen Staat handelte es sich bei großen Flächen um öffentliches Land, das verkauft werden konnte.
Für indigene Gesellschaften waren dieselben Gebiete seit Generationen Lebensraum.
Mit einem Federstrich konnten deshalb Millionen Hektar privatisiert werden, ohne dass sich für die Menschen, die dort lebten, zunächst sichtbar etwas verändert hatte.
Auf dem Papier hatten sie jedoch plötzlich einen Eigentümer.
Im Laufe der Zeit wurden indigene Gemeinschaften dadurch zunehmend in neue wirtschaftliche Strukturen gedrängt. Menschen arbeiteten in Viehzuchtbetrieben, beim Holzeinschlag, in Tanninfabriken oder auf anderen Unternehmungen. Gleichzeitig gingen traditionelle Jagd- und Sammelgebiete verloren. Wissenschaftliche Untersuchungen sehen diese Landprivatisierung und Kolonisierung als einen der entscheidenden Faktoren für die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen indigener Gemeinschaften im Chaco.
Ein Chaco im Wandel
Um 1900 war der Chaco deshalb bereits weit von dem Bild entfernt, das später gern vom „menschenleeren Busch“ gezeichnet wurde.
Entlang des Río Paraguay existierten Häfen und industrielle Anlagen. Unternehmen kontrollierten enorme Landflächen. Missionare arbeiteten unter indigenen Gemeinschaften. Paraguay und Bolivien verstärkten ihre territorialen Ansprüche. Viehzucht und Forstwirtschaft breiteten sich aus.
Im Landesinneren bestanden zugleich weiterhin große Räume, in denen indigene Gemeinschaften ihre Lebensweise weitgehend bewahren konnten.
Aber der Druck nahm zu.
Und Anfang des 20. Jahrhunderts kam eine weitere Frage hinzu.
Wem gehörte der Chaco politisch?
Paraguay und Bolivien beanspruchten große Teile desselben Gebietes.
Diese ungeklärte Grenze sollte wenige Jahrzehnte später zu einem der blutigsten Kriege Südamerikas führen.
1927 kommen die Mennoniten
Als 1927 die ersten Mennoniten im zentralen Chaco eintrafen, begann daher keine Besiedlung eines leeren Landes.
Sie kamen in eine Landschaft mit Jahrtausenden menschlicher Geschichte.
In eine Region mit indigenen Territorien.
In ein Gebiet, dessen Land teilweise bereits an private Unternehmen verkauft worden war.
Und in einen Raum, dessen staatliche Zugehörigkeit wenige Jahre später mit Waffen entschieden werden sollte.
Die Geschichte der Mennoniten im Chaco ist bemerkenswert. Aber sie ist ein neues Kapitel einer wesentlich älteren Geschichte.
Der nächste Teil
1927: Warum die Mennoniten ausgerechnet in den Chaco kamen
Darin sollten wir klären, woher die ersten Siedler kamen, warum Paraguay ihnen besondere Rechte gewährte, welche Rolle Landunternehmen spielten und wie die ersten Jahre tatsächlich aussahen.
Danach folgt chronologisch der Chacokrieg 1932 bis 1935. So würde ich die Dramaturgie jetzt aufbauen. Das ist sauberer als zuerst den Krieg und dann wieder fünf Jahre zurück zu den Mennoniten zu springen.
Quellen
Instituto Nacional de Estadística: Atlas der indigenen Gemeinschaften Paraguays 2022
INE: IV Censo Nacional Indígena 2022
Folia Histórica del Nordeste: Geografía y sociedades tradicionales del Gran Chaco
Cambridge University Press: Warfare, Reorganization, and Readaptation at the Margins of Spanish Rule
Universidad Nacional de La Plata: Archäologie des Gran Chaco
ScienceOpen: Präkolumbische Fundstelle Isla Po’i, 2026
Universidad Nacional de La Plata: Bioarchäologie des Chaco Boreal
CONACYT Paraguay: Indigene Gesellschaften und Kolonisierung des Chaco
Secretaría Nacional de Cultura: Historische Entwicklung der paraguayischen Wirtschaft
Universität Barcelona: Landbesitz und Carlos Casado im paraguayischen Chaco