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5. September 2026 · Paraguay

100 Prozent erneuerbarer Strom: Paraguays großer Vorteil gerät unter Druck

Das Wasserkraftwerk Itaipú am Río Paraná. Wasserkraft bildet weiterhin das Rückgrat der paraguayischen Stromversorgung.
Paraguay erreicht bei seiner Stromerzeugung einen Erneuerbaren-Anteil von 100 Prozent. Der stark steigende Verbrauch zwingt das Land jedoch zum Ausbau und zur Diversifizierung seiner Energieversorgung. Foto: Itaipú Binacional

PARAGUAY | 5. September 2026

Paraguay besitzt einen Standortvorteil, um den viele Länder erst mit Milliardeninvestitionen kämpfen: Seine Stromerzeugung stammt praktisch vollständig aus erneuerbaren Quellen.

Der jüngste Bericht der Lateinamerikanischen Energieorganisation OLACDE weist für Paraguay im Mai 2026 einen Erneuerbaren-Anteil von 100 Prozent aus. Damit liegt das Land an der Spitze Lateinamerikas und der Karibik.

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Zum Vergleich: Der regionale Durchschnitt betrug im selben Monat 64 Prozent. Costa Rica erreichte 96 Prozent, Uruguay 94 Prozent und Brasilien 89 Prozent.

Hinter Paraguays Spitzenposition stehen vor allem drei Namen: Itaipú, Yacyretá und Acaray.

Doch ausgerechnet dieser Vorteil stellt das Land inzwischen vor eine neue Frage: Wie lange reicht die vorhandene Stromerzeugung, wenn der Verbrauch weiterhin so schnell wächst?

Der Stromverbrauch wächst zweistellig

2025 verbrauchte Paraguay insgesamt 29.419 Gigawattstunden Strom. Das waren 12,5 Prozent mehr als im Jahr davor.

2026 beschleunigte sich die Entwicklung noch einmal.

Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres stieg der Stromverbrauch gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 19,4 Prozent. Von Januar bis Mai wurden 14.587 Gigawattstunden verbraucht.

Im Mai kamen davon rund 2.262 Gigawattstunden aus Itaipú, 81 Gigawattstunden aus Yacyretá und knapp 40 Gigawattstunden aus Acaray.

Hinzu kommen inzwischen erste, noch sehr kleine Beiträge aus Solarenergie.

Damit liegt das eigentliche Problem Paraguays nicht darin, zu wenig erneuerbaren Strom zu besitzen.

Das Problem ist die Geschwindigkeit, mit der die Nachfrage wächst.

Bis 2043 könnte sich der Bedarf mehr als verdoppeln

Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft ANDE rechnet langfristig mit einem erheblichen weiteren Anstieg.

Für 2043 wird eine elektrische Spitzenleistung von rund 11.000 Megawatt und ein Jahresverbrauch von mehr als 57.500 Gigawattstunden erwartet.

Zum Vergleich: Der bisherige Rekord der landesweiten Spitzenlast wurde im Januar 2026 mit 5.752 Megawatt erreicht.

Das bedeutet: Innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten könnte Paraguay eine elektrische Leistung benötigen, die etwa doppelt so hoch ist wie heute.

Der Ausbau des Stromsystems wird damit zu einer zentralen wirtschaftspolitischen Aufgabe.

Wasserkraft allein reicht langfristig nicht

Paraguays Elektrizitätssystem basiert bislang fast vollständig auf Wasserkraft.

Das bietet enorme Vorteile. Strom kann erneuerbar und in großen Mengen produziert werden, während Paraguay gleichzeitig über bedeutende Exportkapazitäten verfügt.

Die starke Abhängigkeit von Wasser birgt allerdings auch Risiken.

Der OLACDE-Bericht zeigt das auf regionaler Ebene deutlich: Die Wasserkrafterzeugung in Lateinamerika und der Karibik sank im Mai gegenüber dem Vorjahr um rund 10 Terawattstunden, vor allem wegen geringerer Wasserverfügbarkeit.

Andere Länder mussten die fehlende Wasserkraft teilweise durch Erdgas, Kohle oder Erdöl kompensieren.

Paraguay konnte seinen Erneuerbaren-Anteil dennoch bei 100 Prozent halten. Dauerhaft verlassen möchte sich die Regierung darauf aber offenbar nicht.

Solarenergie soll dazukommen

Der aktuelle Masterplan der ANDE sieht deshalb eine deutlich breitere Stromerzeugung vor.

Neben Erweiterungsmöglichkeiten bei der Wasserkraft sollen künftig insbesondere Photovoltaik, Batteriespeicher und kleinere Wasserkraftwerke eine größere Rolle spielen.

Seit Mai 2026 existiert außerdem ein neuer rechtlicher Rahmen für nicht-hydraulische erneuerbare Energien.

Damit können unter anderem Solar-, Wind-, Biomasse-, Biogas- und Geothermieprojekte entwickelt werden. Auch Eigenproduktion durch Unternehmen und private Haushalte sowie die Einspeisung von Überschüssen in das öffentliche Netz werden erleichtert.

Die ersten Schritte sind bereits sichtbar. Die Photovoltaikanlage Puerto Esperanza im Chaco speist Strom in das paraguayische Netz ein, wenn auch bisher nur in sehr kleinem Umfang.

Strom als Argument für Investoren

Für Paraguay ist die Stromfrage gleichzeitig eine wirtschaftliche Chance.

Industriebetriebe, Rechenzentren und andere energieintensive Unternehmen achten zunehmend nicht nur auf den Strompreis, sondern auch auf die Herkunft der Energie.

Eine nahezu vollständig erneuerbare Stromversorgung kann deshalb zu einem Standortargument werden.

Gerade im Wettbewerb um internationale Investitionen besitzt Paraguay damit etwas, das viele Länder erst aufbauen müssen: große Mengen erneuerbarer Elektrizität aus einer bereits bestehenden Infrastruktur.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wie viel Energie Paraguay erzeugen kann.

Sondern auch:

Wie viel davon kann das Land selbst wirtschaftlich sinnvoll nutzen?

Vom Stromexport zur Wertschöpfung

Historisch exportierte Paraguay einen erheblichen Teil seiner überschüssigen Stromanteile aus den binationalen Kraftwerken an Brasilien und Argentinien.

Wirtschaftlich interessanter wäre es langfristig, einen größeren Teil dieser Energie im eigenen Land in Industrie, Verarbeitung, Technologie und neue Unternehmen umzuwandeln.

Aus einem Megawatt Strom könnte so mehr werden als ein Exportprodukt.

Es könnte Arbeitsplätze, Investitionen und Wertschöpfung in Paraguay schaffen.

Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der aktuellen Zahl von 100 Prozent erneuerbarer Stromerzeugung.

Sie ist weniger ein abgeschlossenes Umweltziel als ein Ausgangspunkt.

Denn Paraguays nächstes Energieproblem könnte paradoxerweise daraus entstehen, dass immer mehr Unternehmen und Haushalte genau diesen Strom nutzen wollen.

Quellen

Organización Latinoamericana y Caribeña de Energía (OLACDE), Reporte No. 16 – Generación Eléctrica en América Latina y el Caribe, August 2026. Für Mai 2026 weist OLACDE Paraguay mit einem Erneuerbaren-Index von 100 Prozent aus; der regionale Durchschnitt beträgt 64 Prozent.

Administración Nacional de Electricidad (ANDE), 23. Juni 2026: Der paraguayische Stromverbrauch stieg von Januar bis Mai 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 19,4 Prozent auf 14.587,1 GWh.

ANDE, 14. Januar 2026: 2025 stieg der nationale Stromverbrauch um 12,5 Prozent auf 29.419 GWh. Itaipú deckte davon 87,6 Prozent, Yacyretá 10,5 Prozent und Acaray 1,9 Prozent.

ANDE, Plan Maestro de Generación 2024–2043: Für 2043 wird mit einer Nachfrage von 11.009 MW und 57.561 GWh pro Jahr gerechnet; der Plan sieht unter anderem Photovoltaik, Batteriespeicher und zusätzliche Erzeugungskapazitäten vor.

ANDE, 19. Mai 2026: Mit dem Decreto 6034 wurde die Ley 7599/2025 zur Stromerzeugung aus erneuerbaren, nicht-hydraulischen Quellen geregelt.